Under the Silver Lake: neo-noir und moderne femmes fatales

Er scheint einer der aufstrebenden Jungregisseure Hollywoods zu sein, zumindest in Bezug auf seine Filmographie, denn mit einem Alter von 44 Jahren gehört er höchstens in Hollywood noch zur jungen Altersgruppe. David Robert Mitchell nutzte 2016 mit It Follows die Innovationsarmut des Horrorgenres aus, um nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen. Sein Film stellte in jenem Jahr den jährlich auftretenden Hype des Horrors dar, so wie es ein Jahr später Get Out tat und 2018 Hereditary oder It comes at Night. Heute, zwei Jahre später wagt er sich an ein wesentlich schwieriger zu meisterndes Genre heran. Under the Silver Lake lässt sich grob dem neo-noir Thriller zuordnen und zeigt Anleihen an Genre-Vertretern wie Brick oder auch David Lynchs Blue Velvet. Das recht seltene Auftreten dieser Filmgattung sowie Mitchells durchaus gelungener Versuch bieten genug Anlass die Stilrichtung genauer zu untersuchen.

David Robert Mitchell gelingt es die schon in It follows beklemmende Stimmung auf sein neustes Werk zu übertragen. Teilweise scheint die Kamera Hauptdarsteller Andrew Garfield aufzulauern, gerade in den ersten Minuten von Under the Silver Lake trägt dies deutlich zur Atmosphäre und zur Etablierung des Settings bei: In diesem Film ist alles etwas anders, etwas unheimlich und schräg. So ist in Hollywood eine neue Grufti Bewegung um Jesus and the Brides of Dracula angesagt. Eine von der Musikindustrie inszeniert Band die Jugendliche wie Szenevertreter in L.A. fasziniert. Die Stadt ist gefüllt mit skurril überzeichneten Showbiz-Mechaniken: Aufgestylte Frauen die bildlich aus allen Richtungen der Stadt strömen, um an Castings in Garagen teilzunehmen oder auf opulenten Friedhofparties wie kläffende Hunde die Leben anderer zu kommentieren. Die Skurrilität reicht bis zum hier nicht näher beschriebenen Höhepunkt des Films, der zu diesem Zeitpunkt der Geschichte in seiner Absurdität gar nicht mehr so unwahrscheinlich anmutet.

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Brick | (c) Central, Senator

Eine Gemeinsamkeit, die sich einige Filme des neo-noir Genres teilen ist die Vermittlung von Hinweisen an den Protagonisten sowie den Zuschauer durch Codes. Während Under the Silver Lake grundsätzliche Codes, Geheime Botschaften und Verschwörungen innerhalb der Medien thematisiert und diese auch visuell anhand von Karten, Zeichnungen und Comics verdeutlicht, sind es in Brick vor allem Symbole die zu Beginn in Rätseln sprechen. So markiert ein Pfeil auf dem Filter eine bestimme, für die Handlung wichtige Zigarettenmarke oder ein ikonisches Zeichen einen Treffpunkt. Auch in Christopher Nolans Memento sind solche optischen Codes in Form von Tattoos ein entscheidendes Mittel um die Geschichte voranzutreiben. Sowohl auf visueller als auch auf narrativer Ebene werden solche Hinweise genutzt um den Zuschauer rätseln zu lassen und ihn in die Geschichte mit einzubeziehen. Ansprechend designte Symboliken erzeugen im Film durchaus ein gewisses Interesse wie beispielsweise das Symbol des Zodiac Killers, die Eulen in Twin Peaks oder das Symbol Batmans am Nachthimmel von Gotham City. Symbole und Zeichen scheinen für den Zuschauer nachvollziehbare Hinweise in diesen Detektivgeschichten abzubilden, die die Illusion der Teilnahme an der Auflösung des jeweiligen Falls verstärken.

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Was gibt’s zu sehen Sam? | (c) Weltkino Filmverleih

Der Zuschauer ist dabei immer Begleiter des Protagonisten, denn fast jegliches Beispiel eines neo-noir Films folgt den Handlungen eines einzelnen, männlichen Hauptcharakters. Sind es die eben angeführten Filmbeispiele oder aber Filme wie Blood Simple, Angel Heart, Miller’s Crossing, Blue Velvet, Kiss Kiss, Bang Bang oder Nightcrawler: Die häufig vom Zuschauer zwiespältig aufgefasste Hauptfigur wird von einem Mann verkörpert, der seinen eigenen Instinkten folgend einen Fall um Geld, Sex oder Verrat aufzuklären versucht und dabei in düstere Wirren und Abgründe der Gesellschaft und des Verbrechens gerät.
Der von Andrew Garfield verkörperte Sam lernt in Under the Silver Lake vor allem die Aussichtslosigkeit aus dem Moloch der Unterhaltungsindustrie entkommen zu wollen kennen und bringt dem Zuschauer dabei in Verbindung mit der Absurdität dieses Geschäfts langsam seine eigene Vergangenheit näher. Auch er ist kein vollständig positiver Charakter, dies macht der Regisseur an einigen Stellen im Film unmissverständlich deutlich und so begibt es sich, dass in der von unrealistischen Rollenbildern verstopften Medienstadt Los Angeles die Frauenfiguren trotz ihres Wahns in diese Welt eintauchen zu wollen, eine moderne, souveräne Form der femme fatale verkörpern.

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Under the Silver Lake | (c) Weltkino Filmverleih

Während die ursprüngliche femme fatale des film noir der 1950er Jahre als Verbindung des sinnlichen Verlangens und der gleichzeitigen gesellschaftlich geächteten Auslebung dieser verstanden wird, ist in der in Under the Silver Lake anwesenden exzessiven und post-obszönen Gesellschaft ein solches Bild nicht mehr möglich. Statt die femmes fatales als „Remineszenz an grausame Herrscherinnen“ oder „“sündig und böse […] Frauengestalten“ (Hilmes 2003) zu etablieren, ist die sinnliche und sexuelle Ausstrahlung zur Norm in der im Film widergespiegelten Gesellschaft geworden. Die Seite der Verführung ist noch deutlich vorhanden, jedoch ist sie anerkannt und hat keine negativen Folgen. Diese werden vielmehr durch die Hinterfragung dieses Exzesses und seiner Höhepunkte durch den Protagonisten hervorgerufen. Es ist der zwiespältig betrachtete Hauptcharakter, der als eindimensionaler und vieles auf Sexualität und Männlichkeit reduzierender Mann dargestellt wird. Eine Rolle die über die Dauer des Films zwar reflektiert wird, allerdings eine Verschiebung des Bildes des sexuellen Verführers zu Folge hat und das Bild der femme fatale in gewisser Weise auflöst. Der Begriff personne fatale ist in Under the Silver lake aufgrund der screentime im klassischen Sinne zwar nicht sinnvoll, im Kontext des film noir ist diese Betrachtung jedoch durchaus interessant.
Das Einsetzen dieser Frauenfiguren machen den Film nicht zwingend zu einem feministischen Werk, allerdings sind die Gedanken und Entscheidungen rund um die feminine Seite innerhalb eines neo-noir Films zeitgemäß und spiegeln die reflektierte Auseinandersetzung mit Frauenbildern in vorgeprägten Filmgenres wider. Under the Silver Lake ist ein Film der sich in der mit diesen Themen häufig konfrontierten Welt der Unterhaltungsindustrie auseinandersetzt und dabei einen interessanten und nicht abwegigen Ansatz verfolgt.

Welche Genres erfahren Eurer Meinung nach zu wenig Aufmerksamkeit und sollten öfter im Kino vertreten sein? Welche müssten in ihren Eigenarten modernisiert werden?


 

Titelbild: (c) Weltkino Filmverleih

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3 Gedanken zu “Under the Silver Lake: neo-noir und moderne femmes fatales

  1. Hätte ich deinen Beitrag mal im Dezember gelesen – ich hinke hinterher. Dann hätte ich den Film geschaut. Cooler Beitrag, nicht nur wegen des Exkurses zu Symbolik und Femmes Fatales. Ich mag das wenn Beiträge noch ein bisschen über den Tellerrand hinausschauen. 🙂

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