Operation Kino: Montage ist kein Experiment – Gastbeitrag von Julia Mehr

Regie: Max Schäffer
12 min, Kurzfilm

Filmfestivals sind eine tolle Gelegenheit, seine Sehgewohnheiten zu brechen. Mein Highlight im Programm sind dann immer die Kurzfilmwettbewerbe. Denn gerade für Kurzfilme fehlt es meiner Meinung nach an Möglichkeiten der Distribution neben der Festival-Szenerie. Maximal werden Kurzfilme als Vorfilme zum Hauptfilm gezeigt. Dabei erzählen sie in kürzester Zeit eine Geschichte – und das ist eine Kunst!

Das FILMZ, Festival des deutschen Kinos, zeigte bereits zum 17. Mal ein außergewöhnliches Programm in Mainz. In der Kategorie Lokaler Kurzfilm wurden die 8 originellsten und innovativsten Kurzfilme aus der Region Rhein-Main gezeigt. Themen wie Phobien, Vorurteile und dystopische Welten wurden in unter 20 Minuten verhandelt.

Der 12-minütige Kurzfilm „Das Fenster“ von Max Schäffer (D 2017) fiel besonders auf und gewann verdient den Publikumspreis: Denn er zeigt anschaulich, wie Film funktioniert.

Der Protagonist ist ein Spiegel der Gesellschaft. Die Beschreibungen und Situationen sind uns allen bekannt und wenn wir die folgenden Zeilen lesen entstehen Bilder von einem in die Jahre gekommenen Mann in unserem Kopf.

Er steht im Fenster.
Er trägt ein neues oranges T-Shirt.
Bei der Digitalisierung kommt er nicht hinterher.

Bei dem Protagonisten des Kurzfilms Mein Fenster ist die Hauptfigur allderdings nicht aus Fleisch und Blut: Dennoch erwacht sie im Film zum Leben. Es ist auffällig, dass die Schaufensterpuppe keinen Namen trägt. Der Regisseur, Max Schäffer meint: „Die Schaufensterpuppe hieß im Skript ‚Bob‘, aber in den Dialogen gab es keinen Grund den Namen zu nennen.“ Abgesehen davon ergibt sich aus der Namenlosigkeit ein Interpretationsspielraum, der die Beliebigkeit der Person hinter dem Fenster betont.

Als Zuschauerin ertappte ich mich dabei, Gefühlsregungen in einer Schaufensterpuppe zu sehen. Ich spreche hier von keiner Animation, sondern von reiner Montage. Die Schaufensterpuppe ist also eine weiße Maske, auf die wir bekannte Erfahrungen und Emotionen projizieren können.  Der Film zeigt deutlich, dass Montage mehr ist, als die reine Zusammenstellung von Bild- und Tonsegmenten. Der kreative Teil der Anordnung der Teile des Films hat einen zentralen Einfluss auf die Wirkung des Films.

Diese Wirkung wurde im Kuleshov-Experiment erkundet.

Das Experiment wurde 1921 von Lew Kuleschow und seiner Arbeitsgruppe durchgeführt. Sie schnitten zwischen die Aufnahmen eines ausdrucksarmen Gesichts, die Bilder einer Suppe, die einer verführerischen Frau und die eines Sarges. Obwohl es immer das gleiche ausdrucksarme Gesicht ist, das gezeigt wird, schrieben die Rezipierenden im ersten Fall Hunger, im zweiten Begierde und im dritten Trauer zu. Die gezeigten Objekte und Räume werden also in jedem Fall emotional durch eine sinnstiftende Zuschreibung der Zuschauer*innen ergänzt.

imBett
Ausdruckstärke einer Schaufensterpuppe? | (c) Max Schäffer

JM: Max, warum hast du das Thema gewählt? MS: Die Vorgabe vom IHME VISION war das Thema Ich sehe mein Fenster, dann hat der Titel aber auch thematisch ganz schön gepasst.“

In Mein Fenster verliert der Protagonist, eine Schaufensterpuppe seinen Job und wird durch digitale Werbetafeln ersetzt. Bei der Kündigung sagt der Chef: „Wir stehen für Modernität und das heißt in unserem Fall verstärkte Digitalisierung.“ Nun ist der einzige identitätsgebende Raum der Schau-Fenster-Puppe – das Fenster – abgeschafft. Was folgt, ist der Alltag eines Arbeitslosen. Trotz fehlender Dialoge und Schauspielkünsten der Puppe fühlte ich Empathie und Mitleid. Neben der Bildfolge ist vor allem auch die Musik ein zentrales Element. Zunächst untermalt sie den Alltagstrott, indem sich das immer gleiche musikalische Motiv nur mit kleinen Variationen wiederholt. Ab dem Zeitpunkt der Kündigung, kehrt sich die Stimmung und mit ihr die Musik, die schlichtweg rückwärts abgespielt ist.

Auf die Frage hin, welche Herausforderungen sich im Schnitt, also der Montage ergeben haben, antwortet Schäffer: „Die Herausforderung war, einen geeigneten Rhythmus/Timing zu finden, da man das ja nicht am Spiel festmachen kann – also die Länge der Shots zu bestimmen. Ging dann aber auch leichter als die Musik stand.“

Die Schaufensterpuppe folgt dem Hinweis des Chefs: „Begreifen Sie es doch mal als Chance“, sucht neue Jobs und versucht sich als Vogelscheuche und Dummy, bis sie schließlich in einem neuen Fenster ihre Berufung findet. Als Schatten hinter einem Vorhang bietet sie mehr Sicherheit als jedes digitalisierte Alarmsystem – vielleicht ein Hinweis darauf, dass Digitalisierung viele Arbeitsbereiche verändert, aber nicht immer besser macht?

Max Schäffer ist auf Vimeo: Zurzeit gibt es dort aber nur seinen Film 25 fps zu sehen.



LOGO_grau_TBCIn Operation Kino schildern wechselnde Autoren ihre Kinoerlebnisse. Ob emotionaler Wellenritt, einschläfernde Vorabendermüdung oder inspirierende Mittagsvorstellung, die Vielfalt kennt keine Grenzen. Umso interessanter ist ein Einblick in diese subjektive Welt.

 

Julia_MehrJulia Mehr ist Absolventin eines Studiums der Medienwissenschaften. Momentan schließt sie ihren M.A. in Globalisierung Medien und Kultur in Mainz ab. Folgt ihr auf  auf Instagram unter @mehrjuli.

 

 


Titelbild: (c) Max Schäffer

 

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