Joker: Der amoralische Protagonist und die Kluft zwischen Arm und Reich

Wie moralisch ein Film sein muss wird zumeist dann diskutiert, sobald ein nicht-konformer Protagonist in einem erfolgreichen Kinofilm auftritt. Vor allem Martin Scorsese musste sich diesen Vorwurf für seine Mafiafilme anhören und er war es auch, der die letzte Welle der Empörung los trat, als 2013 The Wolf of Wallstreet den grenzenlosen Kapitalismus und Exzess verherrlichte. Dabei geht es nicht grundsätzlich um das Abbilden von unmoralischen Handlungen und Eigenschaften sondern um ihre Einbettung. Wie der Film Joker seinen Protagonisten einbettet und ob der Scorsese-Vergleich auch qualitativ standhält lest Ihr im ersten Artikel nach der etwas ausgedehnten Sommerpause von TBC.

Todd Phillips hat bisher nur in einem Genre Erfahrung gesammelt: in der Komödie. Dies merkt man seinem neusten Film durchaus an, denn das durchaus solide und in Teilen auch überdurchschnittlich inszeniert Werk besticht neben den überragenden Fähigkeiten seines Hauptdarstellers vor allem in seinen wohl dosierten, witzigen Augenblicken. In tiefschwarze Momente baut der Regisseur ebenso dunklen Humor ein und schafft es so Charakter wie Szene in ungewohnter Weise vielschichtig und unangenehm zu färben. Das zumeist gelb-rot gefärbte Bild zeigt sich hingegen auf dauer etwas repetitiv. Während Scorsese durch neue Einfälle seine Werke frisch hält, setzt Phillips in entscheidenden Szenen beispielsweise laute Musik ein, ein Effekt der durchaus funktioniert, allerdings in Teilen plump wirken kann. Nichtsdestotrotz schwebt über der Laufzeit von zwei Stunden durchgehend eine seltsame Spannung die den Medikamentenrausch Arthur Flecks seltsam akkurat auf den Zuschauer überträgt und nach der Sichtung durchaus für Gesprächsstoff sorgen kann. Joker gelingt es nicht nur aufgrund der uneindeutigen Mischung aus Tragödie und Komödie ein Unbehagen beim Publikum auszulösen.

Joker | (c) Warner Bros.

Schon vor dem offiziellen Kinostart war Joker ein umstrittener und von den Kritikern polarisiert diskutierter Film. Statt, wie viele Kommentare es tun, erneut darauf einzugehen, welche Moral der Protagonist vertritt, ist die Einbettung seiner Handlungen in das von Phillips geschaffene soziale Gefüge weitaus interessanter. Arthur Fleck lebt seine körperliche und geistige Instabilität in einer drastisch überzeichneten Version unserer Realität aus, die in diesen Extremen kaum realistisch ist. Dabei bedient sich Phillips jedoch an gegenwärtig medial und sozial diskutierten Entwicklungen und setzt sie um das 100-fache verstärkt zu seinem Gotham City zusammen. Die in Nordamerika angesiedelte Megacity wird mit Beginn des Films als dreckiger und überfüllter Moloch gezeichnet: Überfüllte U-Bahnen, nicht-funktionierende Infrastruktur, sich stapelnder Müll und wörtlich genannte „Super-Ratten“ bereiten den Einwohnern wie den verantwortlichen Politikern Probleme, und erschweren vor allem das Leben der marginalisierten Schichten des kapitalistischen Systems. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die mit ihrer Zunahme die Solidarität schwinden lässt, ist Auslöser der im Finale des Films auftretenden Gewaltergüsse. Dabei geht die Solidarität nicht absichtlich verloren, vielmehr scheint die steigende Distanz zwischen den Extremen eine gewisse Ohnmacht zu verursachen, die beiderseits das Verständnis für die Probleme des jeweils anderen schwinden lässt. Dies hat einerseits zu Folge, dass der untere Rand der Gesellschaft Wut und Abneigung entwickelt, gegenüber der Seite, die sie offenbar ausnutzt, während andererseits die von der Oberschicht besetzte Politik keine Lösung für den Einzelnen anbietet und Sozialhilfen sogar vollständig einstellt. Der Joker bietet den marginalisierten Gruppen eine Alternative an, er steht für den Protest und die Veränderung. Er bietet keine Lösung an, doch sogar die Veränderung im Chaos hat eine größere Anziehungskraft als die Ohnmacht des Establishments, welchem das Verständnis für Veränderungen unabhängig einer politischen Agenda völlig fehlt. All dies findet sich in einer amerikanischen Großstadt wieder, die in Teilen durchaus an New York oder Christopher Nolans Gotham erinnert, durch ihre immense Größe jedoch noch deutlich erschlagender und überfordernder erscheint.

Inspirationen für das hier fehlende dichotome Verständnis der beiden Parteien zieht Phillips aus der Realität. In den USA wie Westeuropa sowie im Prinzip Weltweit wird der Graben zwischen Arm und Reich immer tiefer und bietet Raum für selbsternannte Alternativen und Populisten, die sich vor allem durch die Abspaltung von etablierten Größen definieren. Im Film erdenkt Phillips eine, passend zum Setting, in Form und Ausführung extrem übersteuerte Alternative, um so dem bekannten Wahnsinn des Jokers gerecht zu werden. Er läuft als zurückgelassener, misshandelter, betrogener und unter Drogen stehender Geisteskranker in diesem dysfunktionalen System Amok und schafft es die Zurückgelassenen der fiktionale Stadt anzustacheln.

Das sich der Joker Gewalt zunutze macht, um sich existent zu fühlen und seine Wut auf das Establishment ausdrücken, und er durch seine Vorgeschichte dennoch als Opfer gezeigt wird, ist das was diesen Film in den Fokus der Kritik und doch auch ins Rampenlicht gerückt hat. In jedem Fall ist zu verurteilen was diese Figur tut, dennoch schafft es der Film offenbar eine Diskussion darüber zu entfachen, was im Kino gezeigt werden und ob die Figur Nachahmer hervorbringen kann. Die spannendere Frage ist jedoch sicherlich, welche Umstände zu einem solchen Verhalten führen und welche Parallelen zur Realität, sei die Fiktion noch so übersteuert, gezogen werden können. Scheint es nicht sinnvoller Schlüsse in Bezug auf Solidarität, den Sozialstaat und Politik zu ziehen, als zu unterstellen, dass ein Film Gewalttaten auslösen kann? Todd Phillips geht sicherlich nicht durchgehend subtil vor in seiner Abbildung und arbeitet durchaus mit deutlicher Bildsprache, die Idee, dass soziale Missstände gewisse Personen so sehr an den Rande des Ertragbaren treiben und daraus vereinzelte Zwischenfälle entspringen können, erscheint jedoch nicht ganz weit hergeholt und steht als Kernaussage des Films.

Das Joker durch seine andere Herangehensweise solche Aufmerksamkeit erhält zeigt einerseits die Missstände des egal-gewordenen Mainstreamkinos auf, das den Eskapismus und die Immer-Gute-Stimmung-Mentalität von Disney propagiert, hebelt diese jedoch andererseits angenehm aus. Zudem geht der Film den ersten Schritt in die richtige Richtung, indem er für seine Entlarvung das am meisten von etablierten Strukturen geprägte Genre des letzten Jahrzehnts wählt. Zu hoffen bleibt, dass sich weitere Filmemacher an diese Ansätze herantrauen und nicht in von Studios angeordneten Nachahmungen untergehen. Denn ernsthaftes Kino kann auch auf der Großen Bühne funktionieren, sofern die Herangehensweise stimmt.



Titelbild: (c) Warner Bros.

4 Gedanken zu “Joker: Der amoralische Protagonist und die Kluft zwischen Arm und Reich

  1. Ich habe mir den Film gestern angesehen und war positiv überrascht. Nachdem ich einen Trailer gesehen hatte, wollte ich ihn mir erst gar nicht ansehen. Überdrehte psychopathische Kunstfiguren gibt es im Film zur Genüge und sie gehören nicht zu meinem liebsten Freizeitvergnügen. Die Kritiken über die herausragende schaupielerische Leistung des Hauptdarstellers haben mich jedoch neugierig gemacht. In der Tat empfindet man, von Symphatie und Verständnis über Mitleid bis zu Ekel und Angst für, bzw. vor den Protagonisten, viele teils ambivalente Gefühle. Beeindruckend! Die politische Dimension des Films hat mir allerdings am besten gefallen. Endlich mal kein Milliardär der heimlich in Superheldenkostüme schlüpft, um grundlos böse gewordene Menschen zu jagen, sondern ein vom System produzierter Antiheld, der sich verzweifelt gegen jenes System auflehnt. Leider mit den falschen Mitteln und ohne politischen Anspruch.

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  2. Die mehr als brutalen Kritiken des Feuilletons zum JOKER haben mir fast die Sprache verschlagen. In ihnen wird mit der Guillotine proklamiert, dass der Film nicht mehr sei als ein Helden-Epos für launische weiße junge Männer, die aufgrund von einem Mangel an Selbstbewusstsein den Amoklauf Arthur´s feiern bzw. mal wieder lachen können. Dazu wird der Film als missglückter Taxi-Driver-Abklatsch dargestellt. Eigentlich eine Frechheit, aber undifferenzierte Meinungen gibt es, wie Sand am Meer. JOKER ist sicherlich nicht perfekt, aber künstlerisch nicht zu unterschätzen. Besonders die Darstellung des Jokers als musikalische Persönlichkeit hat mich voll abgeholt. Dazu vergessen die meisten Kritiker, dass bei diesem Film, wie du richtig angemerkt hast, immer noch ein wenig Fantasie mitschwingt. Phillips hat zwar die Uhren Theorie verneint, aber trotzdem wirkt die Geschichte, dank der wundervollen Sequenz am Ende, wie ein verdrehter Traum für mich. Und das ist einfach ein perfekter Schlusspunkt. Der Joker, ein Wahnsinniger, der den Halt zur Realität verloren hat, oder hat er ihn gefunden?

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