Berlin: Zwischen Ostalgie und Mythos Kreuzberg

Repräsentationen der deutschen Hauptstadt im Spielfilm sind vielfältig. Die diversen Genres die in ihr gedreht wurden sind ebenso breit gefächert wie die Epochen in denen diese Filme entstanden: Von Dokumentarfilmen der 1920er Jahre wie Berlin – Die Sinfonie einer Großstadt über den deutschen Film der 1970er/80er Jahre – z.B. Der Himmel über Berlin – , bis hin zum gegenwärtigen Kino um Bridge of Spies oder Victoria. Es ist jedoch die Gegenüberstellung von Ost- und Westberlin in zwei Filmen um die Jahrtausendwende, die zwei teilweise verklärende Konzepte visualisiert. In Leander Haußmanns Filmen Herr Lehmann und Sonnenallee werden Ost wie West aus einer besonderen Perspektive gezeigt, die gezeigten Bilder zeichnen sich wie folgt:

Sonnenallee ist Leander Haußmanns Erstlingsfilm aus dem Jahr 1999. Er überzeichnet das Leben in der DDR, speziell in der direkt auf der Grenze zwischen Ost- und Westberlin gelegenen Sonnenallee, in fast comichafter Manier. Gesellschaftlich konstruierte Bilder und Klischees füllen seine auf wenige Sets beschränkte Kulisse und vermitteln dem Zuschauer ein buntes Bild. Themen wie der technische Unterschied zwischen Ost und West, die FDJ oder die Strenge der Autoritäten werden im gesamten Film auf groteske, überzeichnete Art und Weise behandelt und gipfeln in ihrem Höhepunkt in der als Musical inszenierten Schlusssequenz.

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Sonnenallee | (c) DCM (Delphi Filmverleih)

Diese handelt dabei noch einmal die schon im gesamten Film aufgetretenen Facetten des Themas von Sonnenallee ab, nämlich die bis heute verbliebenen Bilder die Zuschauer und Filmemacher mit der DDR verbinden – oft als „Ostalgie“ bezeichnet. Angefangen bei der Darstellung von Äußerlichkeiten: Die Wohnbauten sowie die äußere Erscheinung der Einwohner der Sonnenallee spiegeln die ironische Umgangsweise des Regisseurs mit Klischees wider, etwa sobald die gesamte Menschenmenge sich auf dem zentralen Platz versammelt um zu „Westmusik“ zu tanzen. Sofort zu Beginn der Sequenz wird der Überwachungsstaat/die Stasi thematisiert und wie schon im gesamten Film eher mit einem Augenzwinkern betrachtet, als ein Mann darauf angesprochen wird, warum er mit seinem Beutel spricht (- er spricht tatsächlich in ein schlecht verstecktes Mikrofon). Dieser kurze Dialog leitet einen anschließenden Rundumabriss ein und fährt fort mit Anspielungen auf die Machtlosigkeit der Behörden, dem Grenzschutz oder dem willkürlichen Einsatz von Schusswaffen. Haußmann prangert durch diese amüsant aufbereiteten Seitenhiebe, eingebettet in Musik einige zur Zeit der Trennung Deutschlands herrschenden Zustände an, ohne jedoch durch direkte Ansprache Kritik zu äußern. Die Überzeichnung der Figuren dient insgesamt dazu, das positive Bild nicht für bare Münze zu nehmen und als Zuschauer zu reflektieren. Das Aufheben von physikalischen Gesetzen, indem die Protagonisten vom Balkon in die Menge springen, verdeutlicht dieses nicht-realistische Bild gegen Ende recht anschaulich.

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Sonnenallee | (c) DCM (Delphi Filmverleih)

Der angewandte Bildcode spricht vor allem durch die gestischen Ausdrücke der Schauspieler sowie die eingesetzten Kulissen und Kostüme zum Zuschauer und lässt sich als überzeichnet, jedoch der ehemaligen DDR positiv gestimmt lesen. Der Ton hingegen zeigt eine deutliche Zuneigung der DDR-Bürger zu ihren Nachbarn auf der westlichen Mauerseite. In Kombination der beiden Codes und unter Berücksichtigung des Narrativs kann interpretiert werden, dass Haußmann ein positives (häufig auch (n)ostalgisch aufgehübschtes) Bild der Verhältnisse zeichnen möchte, dem Betrachter jedoch bewusst machen will, dass sich der Westen in der Sonnenalle durch seine Nähe allgegenwärtig und ebenso erreichenswert zeigt.
Dieses Bild ändert sich zum Ende des Films noch einmal drastisch. Von einem auf den anderen Moment wird die Kulisse menschenleer und ausgestorben gezeigt; Büsche rollen durch das Bild und der Wind bläst Schmutz auf den Platz. Während sich der Zuschauer mit der Kamera langsam nach hinten über den Grenzübergang bewegt, liegt vor ihm die alte, trostlose Tristesse der DDR, bebildert mit verfallenen Altbauten und grauen Betonblöcken in schwarz-weiß. Der Regisseur stellt hier einen starken Kontrast zwischen Ton- und Bildcode her, indem er den Protagonisten aus dem Off über die „schönste Zeit seines Lebens“ sprechen lässt und dabei die angesprochenen Bilder zeigt. Während die Geschichte zuvor in der Gegenwartsform erzählt wurde, redet Micha nun im Präteritum: Es wird an dieser Stelle ein vergangener, nicht mehr vorhandener Ort präsentiert, an den die Erinnerung, gleich den Häusern im Bild, zerfällt.

Zur gleichen Periode der deutschen Geschichte, jedoch auf der anderen Seite der Berliner Mauer, spielt ein weiterer Film von Leander Haußmann:
Herr Lehmann begleitet den titelgebenden Protagonisten durch Kreuzberg des Jahres 1989 und zeichnet so ein ganz anderes Bild, als es in Sonnenallee zu sehen ist.

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Herr Lehmann | (c) DCM (Delphi Filmverleih)

Sowohl die gezeigten Kneipe, als auch die Straßenzüge und sichtbaren Wohnungen bilden den von Barbara Lang beschriebenen „Mythos Kreuzberg“ ab. Sie skizziert den Stadtteil als isoliertes Vakuum aus unvermieteten Häuserblocks, welches von „Studenten, Künstlern und Migranten“ befüllt wird, „die in den leerstehenden Wohnungen und Fabriketagen billige Unterkünfte“  finden. Kreuzberg wird laut ihr in diversen Medien als „bunt bizarr, verrückt, so unfassbar“ betitelt, eine Zuschreibung, die den bekannten Mythos und die „wuchernde Subkultur“ Kreuzbergs erst hervorgerufen hat.
Leander Haußmann bedient sich dieses Mythos‘ und färbt seine Version des Stadtteils in gemütlich anmutenden, leichten Sepia-Tönen. Alkohol und Tabak gehören ebenso zum repräsentierten Lebensstil der Protagonisten, wie die Kenntnis um die entscheidenden Locations des Nachtlebens und ihre Kreuzberger Stammkneipe. Die Wohnung von Karl, gespielt von Detlev Buck, einem Künstler, passt mit ihrem gusseisernen Aufgang perfekt auf Langs Beschreibung einer leerstehenden Fabriketage.
Ähnlich wie in Sonnenalle scheint es nicht Haußmanns Absicht ein realistisches Abbild Berlins zu präsentieren, sondern vielmehr eine atmosphärisch geschlossene Filmwelt, die den Lebensstil und die Gemütslage der 1980er vor Ort unterhaltsam vermittelt. Indiz hierfür ist der Einsatz eines Musikstücks von Lexy K. Paul aus dem Jahr 2003, das folglich nur der stimmungsvollen musikalischen Untermalung und nicht einer realen Musik-Kulisse dienen kann.

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Herr Lehmann | (c) DCM (Delphi Filmverleih)

Die Häuserfassaden sind geschmückt mit Graffitis und Plakaten und wirken wenig gepflegt. Die gezeigten Straßen sind oft menschenleer und werden neben den Laternen nur von wenigen beleuchteten Fenstern erhellt. Die von außen gezeigte Wohnung Karls vermisst Fensterscheiben sowie Putz an der Mauer; der Innenhof scheint weniger Aufenthaltsort als mehr Ablage für Unrat.
Es wird der Eindruck eines unstrukturierten und zugleich funktionierenden Stadtviertels deutlich, in dem sich jeder Bewohner selbst organisiert. Der von Lang angesprochene „Mythos Kreuzberg“ wird in Herr Lehmann glaubhaft zum Ausdruck gebracht.

Im direkten Vergleich beider Filmbeispiele fällt auf, dass die Repräsentationen eine gewisse Nostalgie und Verklärung ihres jeweiligen Vorbildortes betreiben. Sowohl Ost- als auch Westberlin werden durch Haußmanns Abbild vor allem für den Zuschauer unterhaltsam inszeniert. Der Verzicht auf vollkommene Präzision ist dabei Stilmittel und legt durch teilweise deutliche Übertreibungen offen, dass das Gezeigte nicht die Realität abbildet. Haußmann spielt mit den populären Klischees der Orte und stellt die unterhaltsamen und oft positiven Seiten heraus.
Bei weiterführendem, auch wissenschaftlichem Interesse an der Thematik ist der Blog Kinoarchitekten zu empfehlen, welcher sich diesem filmgeographischen Thema aus diversen Perspektiven nähert. Dieser ist ebenso Inspiration sowie Quelle der hier in Teilen leicht verändert veröffentlichten Texte.

An welche FIlme müsst ihr bei der Stadt Berlin denken? Emil und die Detektive? Atomic Blonde? Teilt es gerne mit.


Titelbild: DCM (Delphi Filmverleih)
Quelle zu Mythos Kreuzberg: Lang, B. (1994): Mythos Kreuzberg. In: Leviathan 22 (4): 498 – 519.

 

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3 Gedanken zu “Berlin: Zwischen Ostalgie und Mythos Kreuzberg

  1. Zwei großartige Filme. Sonnenallee fanden scheinbar aber nur die Wessis lustig. Ich habe den Film Jahre nach dem Kinostart mit einem Ossifreund in einem Open Air Kino in Frankfurt am Main gesehen. Das Publikum hat sich weggeschmissen vor Lachen und mein Kumpel meinte: „Der ist ja doch ganz lustig. So gut hatte ich ihn aus dem Kino in Hoyerswerda gar nicht in Erinnerung.“
    Zu Deiner Frage: Letztens habe ich mir „Berlin. Alexanderplatz“ angesehen. Immer noch sehenswert.

    Gefällt 1 Person

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