Cinema Korea: Geschichten von Rache und dem Erfolg in Cannes

In der nächsten Woche starten in den deutschen Kinos rund 10 Filme. In der breiten Öffentlichkeit werden dabei vor allem die beiden großen Produktionen Hollywoods wahrgenommen. Insgesamt kommen vier von zehn Filmen aus den USA. Mit Jim Jarmuschs The Dead don’t die und dem neusten Ableger der Men in Black Reihe werden wieder einmal zwei amerikansiche Produktionen im Rampenlicht stehen. Dass dies am höheren Marketingbudget und an der Bekanntheit beider Marken liegt ist offensichtlich. Der Umstand dieser Dominanz im deutschen Kino soll an dieser Stelle auch gar nicht bewertet werden (dies geschah schon zu Genüge in einer mehrteiligen Artikelreihe zu Blockbustern). Da neben amerikansichen, deutschen, ab und zu französischen und vereinzelt skandinavischen Filmen jedoch andere Länder meist hinten anstehen, soll einer dieser zuunrecht unbekannten Produktionsstandorte etwas heller beleuchtet werden.

Der Norden steht mit seiner fast schon mystifizierten Verschlossenheit und seiner diffizilen Verbindung zu den USA und anderen Weltmächten häufig etwas mehr im Fokus als sein südlicher Nachbar, dabei gehört Südkorea auch abseits von Olympischen Spielen und Elektronik mehr in die internationalen Schlagzeilen, gerade die des Feuilettons. Besonders das südkoreanische Kino hat, in der jüngeren Vergangenheit sowie in der Gegenwart einige Filme von Format geschaffen, die sowohl durch besondere Ästhetik, als auch herausragende Geschichten bestechen. Einige mittlerweile weltweit rennomierte Regisseure schafften mit vielschichtigen Dramen und vor allem Thrillern den Durchbruch.

Lady Vengeance | (c) 3L Filmverleih, CJ Entertainment

Der momentan wohl bekannteste Vertreter der südkoreanischen Regiezunft ist Park Chan-wook. Mit seiner um Oldboy angelegten Rachetrilogie liefert er drei eindrucksvolle Beispiele des gerade auch in Südkorea verbreiteten Rape-&-Revenge Genres, die besonders durch brutale Schicksale und durch grafische wie auch psyschiche Gewalt von extremer Spannung leben. Beispielhaft zu nennen ist etwa eine Szene aus Lady Vengeance, in der die Eltern ermordeter Kinder vor einem Zimmer warten, um dem darin gefesselten Serienmörder in persönlichen Racheakten ihren Schmerz heimzahlen zu können. Löst die körperliche Gewalt der Szene extremes unbehagen beim Zuschauer aus, ist doch der emotionale Umgang der Wartenden mit der ihnen bevorstehenden Aufgabe die psychologisch interessantere Facette. Die Eltern befinden sich emotional irgendwo zwischen Wahn, blanker Angst, Entsetzen und einer Art hasserfüllter Vorfreude und werfen so fast beiläufig noch Licht auf die Frage nach der Rechtfertigung von Selbstjustiz und dem Kredo Auge um Auge. Häufig ebenso spannugsgeladen, kreativ und explizit zeigen sich die anderen beiden Teile der Trilogie, Oldboy und Sympathy for Mr. Vengeance, die teilweise eine Reihe von Filmemachern inspiriert zu haben scheinen. Filme wie A Bittersweet Life oder I Saw the Devil sind von ihrer Ausrichtung und Geschichte eindeutig an erstere angelehnt, Rache ist ein wiederkehrendes Motiv im koreanischen Kino.

Burning | (c) Capelight Pictures, CGV Arthouse

Doch der südkoreanische Film ist vielschichtiger: Regelmäßig gelangen kleinere und größere Produktionen auf die internationale Bühne und werden von Zuschauern wie Kritikern gefeiert. Train To Busan versieht das so ausgelutschte Zombie-Genre mit neuen Twists und ist mittlerweile weltweit bekannt. Der Film Parasite von Regisseur Bong Joon-ho gewann vor wenigen Tagen den Spielfilmwettbewerb beim Festival in Cannes. Er schließt sich damit Burning an, der im letzten Jahr ebenfalls (wenn auch nur mit einem technischen Preis) ausgezeichnet wurde und von verschiedenen Pressestimmen gefeiert wird. Der Film von Lee Chang-dong wandelt zwischen Genregrenzen auf den Spuren von Liebesdrama, Film noir Esotherik und Thriller und entführt den Zuschauer in eine sybolbehaftete Welt voller bunter und grauer Facetten. Zwischen jugendlichem Weltschmerz und gesellschaftskritischen Hintergrundgeräuschen entfaltet sich die auf einer Vorlage von Haruki Murakami basierende Geschichte. Aus diesem Dickicht an Interpretationsmöglichkeiten kann jeder Zuschauer eine eigene Erfahrung mitnehmen.

Im letzten Licht der schon entschwundenen Sonne bewegt sich eine junge Frau bekifft zu Trompetenklängen von Miles Davis (aus dem Soundtrack von Louis Malles Film Fahrstuhl zum Schafott). Entrückt zieht sie sich ihr Oberteil aus, dreht, wendet sich und formt ihre Hände pantomimisch zur Flugbewegung eines Vogels. Die Berge, vor deren Umrissen sich ihre Silhouette abzeichnet, befinden sich in Nordkorea, dessen Lautsprecher Propagandaparolen über die Felder des Nachbarlandes schicken. Im Rücken der Tanzenden sitzen zwei junge Männer, Jongsu und Ben. Gemeinsam haben die drei auf einer Farm in der Nähe von Seoul einen Joint geraucht. Ihr Rausch springt auf die Kamera über, versetzt Bilder und Betrachter in Trance.

-Katja Nicodemus für Zeit Online
Burning | (c) Capelight Pictures, CGV Arthouse

Das Plastik der über die Stahlskelette gespannten Planen der unzähligen Gewächshäuser Südkoreas tropft unter der Hitze der orangenen Flammen geschmolzen zu Boden. Das Feuer beleuchtet die schwarze Nacht und lässt die Umrisse eines Jungen zum Vorschein kommen. Er blickt in die Flammen. Auch sie sind stumm.

Habt Ihr Burning oder gar Parasite schon gesehen? Was ist Euer liebster Film aus Südkorea?



Titelbild: (c) Capelight Pictures, CGV Arthouse

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11 Gedanken zu “Cinema Korea: Geschichten von Rache und dem Erfolg in Cannes

  1. Burning habe ich letztes Jahr auf dem Münchner Filmfest gesehen. Habe mich gewundert, dass es so lange dauert bis ein derart überragenderFilm in die Kinos kommt.
    Parasite wird hoffentlich im kommenden Filmfest gezeigt. Würde ich mir auf jeden Fall anschauen. Auch aber nicht nur weil ich kürzlich durch Südkorea gereist bin.

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    1. Das mit den Festivals dauert offenbar immer länger, ich denke, da geht es auch länger noch darum den FIlm an Verleihe zu verkaufen etc.
      Ist das Filmfest im München denn empfehlenswert?

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      1. Ich lebe in München und bekomme eine Akkredierung. Es ist ein reines Publikumsfestival ohne Wettbewerb und Market. Die Berlinale bietet als A Festival das anspruchsvollere Programm. Allerdings gibt es in München eine sehr breite Filmauswahl und oft sind gute Filme aus Cannes zu sehen. Am 13.6. wird das Programm online veröffentlicht, da kannst du ja mal schauen. Auf dem Münchner Filmfest kann man mit ein bisschen Glück auch die Atmosphäre der sommerlichen Stadt erleben (Fotos gibt es in meinem Bericht zum Filmfest 2018).

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    1. Das muss ja für den Film sprechen, wenn er nach nur wenigen Tagen schon dein LIebling ist. Ich habe mich in den letzten Wochen auf anderer Seite viel mit The Handmaiden beschäftigt und war irgendwie davon überzeugt, dass ich hier auch schon etwas dazu geschrieben habe. So kann man sich irren. Der Film zählt natürlich zu den herausagenden aus SK.

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      1. In der Regel brauchen Filme bei mir keine Zeit zum Reifen. Bereits nach wenigen Tagen weiß ich in den meisten Fällen ob ich ein Werk mag oder nicht.

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  2. Ich muss gestehen keine einzigen südkoreanischen Film zu kennen. Ich habei aber einige abgefahrene Filme aus Japan gesehen, die sich deutlich von Hollywood unterscheiden. Der große Japaner von Hitoshi Matsumoto hat mich stark beeindruckt. Echt schräg.

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  3. Sehr cooler Beitrag zum koreanischen Film. Knapp, aber prägnant. Tatsächlich sind die meisten koreanischen Filme, die ich bisher gesehen habe von Park Chan-wook, eigentlich kenne ich alle von ihm, die hierzulande auf DVD erschienen. Daneben auch ein paar andere wie I Saw The Devil. Mein Lieblingsfilm ist auch tatsächlich Oldboy – oder doch Lady Vengeance? Schwer zu sagen. 🙂 Und obwohl ich zwischendurch auch den Eindruck bekam, dass düstere und verstörende Stoffe überwiegen, denke ich mir: das wars bestimmt noch nicht, da gibts noch mehr. Das wäre mal interessant zu erkunden.

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  4. auf burning bin ich auch schon gespannt. von deinen erwähnten filmen waren train to busan, die sympathy trilogie und a bittersweet life genial. i saw the devil sollte ich mir nochmal anschauen. empfehlen kann ich dir „brotherhood“ und „joint security area“
    ah ja. one cut of the dead ist aus japan 😉

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