Geschlechterbilder: The Wild Boys, The Wild Girls or The Wild Humans?

Was ist männlich? Was ist weiblich? Lässt sich das Geschlecht durch die Bestimmung biologischer Merkmale zuordnen? Gehen mit diesen Merkmalen bestimmte Eigenschaften einher oder rechtfertigen bzw. fordern gesellschaftliche Strukturen solche sogar? Bertrand Mandicos Spielfilmdebut The Wild Boys stellt und beantwortet diese Fragen mithilfe kreativster Erzählformen und stellt damit grundsätzlich die Unterscheidung von Mann und Frau* in Frage.

The Wild Boys beginnt mit der Vergewaltigung einer Frau durch die titelgebende, fünfköpfige Gruppe, in Folge derer sich die Jungen den Erziehungsmaßnahmen eines Kapitäns beugen müssen. Die halluzinogene, neonfarbene Reise auf dessen Schiff führt die Gruppe auf eine mysteriöse Insel, auf der sie beginnen Veränderungen an sich festzustellen.
Die Geschichte bedient sich einer Vielzahl an sexuellen Symboliken, seien es phallisch geformte Hafenpoller, phallisch geformte Pflanzen oder phallisch geformte Geschlechtsorgane, die zur Genüge in die Kamera gehalten werden. Dem gegenüber steht die Insel, die als riesige Auster beschrieben die Weiblichkeit symbolisiert und so das Antonym zur patriarchal geprägten Grupppe bildet.

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The Wild Boys | (c) Bildstörung, UFO Distribution

Das Patriarchat, ein Ort an dem Mann sich keine Sorgen um sein Wohlergehen machen muss, an dem ER im Zentrum der Macht steht und diese repräsentiert und beherrscht. Die Protagonisten des Films vertreten zu Beginn eben dieses Weltbild, in der sie selbst sexuelle Gewalt als „Schabernack von Jungs“ abhaken können und ihren Handlungen keinerlei Moral zuschreiben müssen. The Wild Boys prangert diese Machtkonstellation an und schlägt Ideen einer weiblich dominierten Gesellschaftsform – das Matriarchat – vor. In seinem weiteren Verlauf ist der Film jedoch eher an einer nicht binär strukturierten Gesellschaft interessiert, in der Geschlechterunterschiede und die grundsätzliche sexuelle Dichotomie überwunden werden. Mandico, bekannt für seine experimentellen Filme über Körper und Gender, stellt die Frage, warum die biologische Unterscheidung zwischen Mann und Frau eine gesellschaftliche sowie sexuelle Trennung nach sich ziehen muss, und ob diese Zweiteilung nicht als obsolet anzusehen ist. Er schließt sich damit etwa Beatriz Preciado an, die Pansexualität als Ansatz zur „Überwindung von Homo/Hetero-Mann/Frau-Polaritäten“ ansieht (Schütz 2013).

We are on an enormous oyster, and I am its pearl.“

-Severin(e)

Die Kritik, dass durch gesellschaftliche Geschlechterrollen verursachtes und toleriertes Verhalten nicht durch eine, wie im Film durch den Kapitän ausgebüte, in gleichem Maß strukturierte (patriarchale) Erziehungsmaßnahme ausgetrieben werden kann, untergräbt der Regisseur im Verlauf des Films völlig. Zu einem bestimmten Zeitpunkt spielt das biologische Geschlecht keine Rolle mehr. Der Film zeigt an dieser Stelle, dass durch eine abrupte Änderung des biologischen Geschlechts, die Verhaltensweisen einer Person nicht veränderbar sind. Die garçons sauvages folgen weiterhin ihren (aus männlicher Sicht) heterosexuellen Trieben, auch nach dem Verlust ihres primären Geschlechtsorgans. Der Film spricht sich hier deutlich gegen angeborene, geschlechterbezogene Verhaltensmuster aus, da der Geschlechtswechsel sonst mit dem Wechsel ihrer Verhaltensweisen hätte einhergehen müssen. Kurz: Chauvinismus auch ohne Penis. Für das sozial-konstruierte Geschlecht tritt Mandicos Werk durch eine weitere Metaebene ein, die dem Film am Ende auf augenöffnende Weise gelingt. Dann nämlich, wenn offenbart wird, dass die Wild Boys in Wirklichkeit durch Frauen* verkörpert wurden und die sozial konstruierten Stereotypisierungen im Film, retrospektiv plötzlich umgekehrt reflektiert werden müssen. In der idealen, grenzenlosen und gender-dehnenden Welt Mandicos wäre der Titel The Wild Humans wohl der passendere.

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Suspiria |(c) Amazon Studios, Capelight Pictures

Einen weniger radikalen Ansatz verfolgt Luca Guadagnino, Regisseur von Call Me by Your Name, in seinem Werk Suspiria. Das Remake des 1977er Giallo-Films nimmt nicht die Aufhebung von Gender in den Fokus, zeichnet jedoch ein Bild weiblicher Macht und stellt in seinem kleinen Kosmos ein matriarchales System vor. Das Bild und die Rolle der Mutter ist essentiell für Handlung und Symbolik des Film. Diese wollen dabei allerdings nicht Vorbild für reale Strukturen sein, dafür ist es in seiner fantastischen Horrorwelt zu absurd und überzeichnet. Der Ansatz, einen Film (fast) vollständig ohne männliche Darsteller zu erzählen (anknüpfend an The Wild Boys wird hier die einzige männliche Rolle ebenso von einer Frau verkörpert) weist jedoch auf den Umstand hin, dass sowohl Regie als auch Hauptrollen zumeist in fester männlicher Hand sind. Beide Filme weisen eindeutig darauf hin, dass eine gleichberechtigte Bühne für Regisseur*innen auch ein Ziel dieses filmischen Diskurses über Gender und Geschlechterrollen sein muss. Die Betrachtenden sollen aus der filmischen Ebene Schlüsse auf die reale Welt ziehen: from reel to real.

Welchen Stellenwert kann Feminismus im Film einnehmen? In welcher Form kann er Einfluss auf die Gesellschaft nehmen und wie sind die Ansätze von Mandico und Guadagnino einzuordnen?


Titelbild: (c) Bildstörung, UFO Distribution

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