Perspektivwechsel: Birds of Passage und der veränderte Blick

Perspektiven sind nicht nur in der technischen Produktion von Filmen ein Stilmittel zur Kreation von Bildern und Aussagen, auch der gezielte Blick auf ein Phänomen beeinflusst seine Vermittlung grundsätzlich. Dies wird teilweise erst im weiteren Verlauf des eigenen Lebens deutlich, dann nämlich wenn die öffentliche Darstellung eines Themas nicht mit der eigenen Meinung übereinstimmt und eine grundlegendere Auseinandersetzung mit dem Problem von Nöten ist. In Bezug auf Film drückt sich dies häufig durch die vorhandenen Dominanz des amerikanischen Kinos aus, das in Deutschland neben überdimensionierten inländischen Produktionen, den Großteil des Kinoprogramms einnimmt und so eine relativ homogene Perspektive auf die meisten Themen präsentiert. Dass Filmemacher aus dritten Ländern ebenso großartige und vielfältige Filme schaffen sollte zwar klar sein, dennoch soll einigen dieser Werke hier etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden: Denen, die einen Perspektivwechsel auf ein bekanntes Thema anbieten.

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Birds of Passage bietet einen anderen Blick auf die sonst von Amerika so verklärte und fast romantisierte Welt des Drogenhandels. Ciro Guerra, selbst Kolumbianer, lässt in seinem Film die indigene Bevölkerung zu Wort kommen. Die Amerikaner hingegen bilden nur den Kontakt in die fremden Länder. Fast als Gegensatz zu den Kolumbianern in Flimen wie etwa Scarface. Der Fokus liegt auf dem Aufstieg des Stammes der Wayuu, ihren Bräuchen, Traditionen und ihrer Historie. Es zeigt sich deutlich, welche Einblicke ein Perspektivwechel auf eine Thematik erzeugen kann; dieser Film wäre als nicht-kolumbianische Produktion niemals möglich gewesen.

Schon in seinem letzten Werk, Der Schamane und die Schlage ließ sich der Regisseur von großen Werken wie Apokalypse Now oder 2001: A Space Odyssee inspirieren. In Birds of Passage finden sich diese Anleihen ebenso, jedoch eher in Form von Symboliken und Eigenheiten gewisser Genres. Eine deutliche Anspielung auf The Searchers ist dabei nur ein Beispiel, um die Anleihen am Westernfilm zu beschreiben. Moderne Cowboys, Duelle oder der Ritt in die Wüste sowie veraltete Geschlechterbilder finden sich fast im gesamten Film wieder und paaren sich mit ethnologischen Bildern. Dieser Fokus auf die indigenen Völker Kolumbiens gelingt Guerra durch teils beobachtendes und veranschaulichendes Filmen von Praktiken, teils durch fast surreale, an Twin Peaks erinnernde Traumsequenzen. Letztere verkörpern dabei den mystischen, für die Protagonisten zu fast jeder Zeit essentiellen Einfluss der Geister, die häufig in Form der titelgebenden Vögel ihr Erscheinen andeuten.

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Der Film IncendiesDie Frau die singt erzählt eine Geschichte auf zwei Zeitebenen. Während Sohn und Tochter in der Gegenwart in ein undefiniertes Land im Nahen Osten reisen, um Vater und Bruder aufzuspüren, zeigten Rückblenden das Leben der Mutter und vermitteln mithilfe ihrer Geschichte, die Grauen des ausbrechenden Krieges. Die Perspektive des Films bewegt sich dabei immer auf der Ebene der als Zivilistin betroffenen Mutter Nawal Marwan. Nicht politische Interessen, Macht oder religiöse Disparitäten bestimmen das Narrativ, sondern die Hintergründe, die die für Protagonistin und Zuschauer spürbaren Folgen verursachen. Die Länder des Nahen Osten, häufig als homogen und grundlegend böse verurteilt, zeigen sich in diesem Werk von Denis Villeneuve realistischer: als sozial und religiös vielschichtige Gefüge. Die nicht Benennung des Schauplatzes kann dabei zwar als Teil einer westlichen (Villeneuve ist Kanadier) Homogenisierung kritisiert werden, die wahrheitsgetreue Übernahme dieses Umstandes aus der libanesischen Vorlage, lässt dieses Argument jedoch nicht gelten. Die Übertragung des ursprünglichen Theaterstücks auf die Leinwand gelingt sowohl durch die eindrucksvollen Hauptdarstellerinnen, als auch die unangenehm etablierte Hintergrundspannung durch den nur als Setting für die Geschichte fungierenden Krieg. In ganz ähnlicher Art und Weise setzt A Girl Walks Home Alone At Night grausame Gewalttaten in Relation zum alltäglichen Leben.

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In der fiktiven und somit ebenso nicht eindeutig verorteten Bad City sind die Folgen eines scheinbar akuten Krieges oder einer ähnlich grausamen Degeneration spürbar. Auch in diesem Werk wird eine davon nur in logischem Ausmaß berührte Geschichte gesponnen. Statt politische Kämpfe um Ölreserven oder Machtansprüche in den Mittelpunkt zu rücken, saugen die schweren, dunklen Pumpen das schwarze Gold nur im Hintergrund der weiten schwarz-weiß Bilder aus dem grauen Untergrund. Die postkoloniale Kritik der iranisch-amerikanischen Filmemacherin Ana Lily Amirpour schimmert so nur leicht durch ihr durchstilisiertes Werk hindurch. Vordergründig vereint Amirpour Vampirfilm, Italo-Western und Gangsterfilm in einem völlig ungewohnten Setting. Die Vermischung aus ethnologischem Film und klassischen Genre-elementen schafft dabei mehrmals leicht verschobene Blicke auf bekannte Motive. Die übernatürlichen Eigenarten des Vampirfilms werden in fast ironischem Maße an die gegebenheiten vor Ort angepasst und die nachgeahmte Tristesse der Wild-West-Landschaft bekommt vor dem Hintergrund amerikansicher Ölgeschäfte einen neuen Twist. Sowohl Genre als auch Orte werden hier aus neuer Perspektive betrachtet.

Welche Themen werden Euch in Filmen zu eindimensional behandelt? Habt Ihr positive oder negative Extrembeispiele?


Titelbild: (c) MFA+ Filmdistribution, The Orchard

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