Trailer: Spoiler oder Stimmungsvermittler?

Es ist mühselig einem unregelmäßigen Kinogänger zu erklären, dass ein Trailer nur wenig mit der Qualität des finalen Werks gemein hat. Dass nicht der Regisseur sondern die PR-Abteilung für die Inszenierung der Filmschnipsel zuständig ist und dabei nur sehr selten der Geist des Films eingefangen wird. Wo große Produktionen meist auf Epik und Effekthascherei setzen fällt das Budget bei kleinen Filmen meist so stark ab, dass die Trailer (oft im Gegensatz zum finalen Film) nicht gelingen.

Ein Beispiel: Der Film Green Book, egal ob gerechtfertigter oder ungerechtfertigter Gewinner des Oscars für den besten Film, hat einen  unsäglich konzipierten Trailer: er zeigt die gesamte Geschichte des Films, inklusive Charakterentwicklung und Höhepunkt der Handlung. Er beschreibt die anfänglich schwierige Beziehung eines Rassisten mit einem schwarzen Musiker und zeigt ihre im Verlauf ihrer Reise zu nehmende Sympathie. Statt einige Ausschnitte der Stimmung zu veröffentlichen und anzudeuten in welche Richtung der Film sich entwickelt, dabei wären eventuell einzelne Szenen des überzeugenden Schauspiels der Protagonisten fähig gewesen, wird dem Zuschauer der gesamte Film offenbart. Der Trailer erzählt wie der Film eine Geschichte von A-Z und spart dabei nur 127 Minuten aus.

Der Trailer startet mit der Vorstellung von Viggo Mortensens Figur. Im Anschluss trifft dieser auf Mahershala Ali, der ihm die Problematik erklärt und den Auslöser für die Reise bildet. Der Reiseantritt zeigt ihre beiden Persönlichkeiten in nur wenigen Aussagen und charakterisiert Mortensens Verhältnis zu seiner Frau. Auf der Fahrt werden Unwissenheit und Klischees geäußert. Der Musiker ist eloquent, gebildet und talentiert, allerdings auch spießig und eingeschränkt in seiner Perspektive, der Chauffeur hingegen voreingenommen, vulgär allerdings direkt und pragmatisch. Dem Schwarzen begegnet der Rassismus der Südstaaten, der den Italiener ratlos scheinen lässt und beide einander näher bringt. Einerseits wird der Umgang mit Rassismus aus einer anderen Perspektive betrachtet, andererseits wird Hilfe in der Beziehung zur Ehefrau angeboten. Einige Setpieces mit Polizisten, in den Südstaaten, im Gefängnis werden gezeigt. Der emotionale Höhepunkt des Films zeigt sich im Regen. Am Ende ist Weihnachten.

Diese Absatz beschreibt dabei sowohl die chronologische Abfolge des Films, als auch des Trailers (mit einigen wenigen Ausnahmen). So wird zwar ein gewisses Zielpublikum erreicht, das Filmerlebnis ist allerdings fast vollständig vorweggenommen. Eine leider häufige und nicht mutige Art und Weise einen Film zu promoten.

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Green Book | (c) Universal Pictures, 20th Century Fox

Als Gegenbeispiel soll in diesem kurzen Wochenbeitrag Aufmerksamkeit für einen Trailer gemacht werden, welcher Stimmung und Schauspiel ideal miteinander verschränkt und dabei tatsächlich wenig über das Werk Preis gibt: Der Trailer zu Joker, mit Joaquin Phoenix zeigt durch Musik, Darsteller und Ästhetik, welchen Ton der Regisseur treffen will. Es wird die Grundproblematik und der Inhalt offenbart, ohne jedoch nur ein Detail des Plots zu verraten. Todd Philips, bekannt durch Hangover und War Dogs, hat Bilder kreiert, die einen ansprechenden Werbeclip für seinen Film entstehen lassen. Ob der Film diese Erwartungen erfüllt, muss sich im Herbst des Jahres zeigen.

Welche Trailer wollt ihr zwingend empfehlen, oder findet ihr so schlecht, dass ihr den Film in keinem Fall sehen mögt? Wo wurdet ihr nach einem guten Trailer vom Film enttäuscht?


Titelbild: Warner Bros.

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4 Gedanken zu “Trailer: Spoiler oder Stimmungsvermittler?

  1. Uuuuh, gutes Thema. Trailer faszinieren und erschrecken mich immer wieder. Ich schaue sie mit Begeisterung aus Neugier auf die kommenden Film und bin danach meistens verstört, weil ich viel zu viel erfahren habe. Aber auch alte Trailer sind nicht besser, die gern Kernthemen vorweg nehmen oder gar keine Handlung erzählen oder nur ihre Stars anpreisen …

    Aber zu deinen Fragen. Durch den Trailer zu Suspiria (2018) habe ich mir tatsächlich einen etwas anderen Film erwartet als er dann war. Vielleicht etwas zugänglicher. Aber Green Book ist auch eins meiner Albtraum-Beispiele für Trailer, weil er zuviel erzählt. Ich habe auch neulich wieder einen im Kino gesehen, der einem den Gang ins Kino für beworbenen Film erspart … aber leider den Film vergessen. Vielleicht ein Zeichen.

    Gefällt 1 Person

    1. Als positives Beispiel würde mir noch The Wild Boys einfallen, der nächste Woche ins Kino kommt. Wenn man auf etwas surreales Zeug steht, dann ist der Trailer ziemlich genial glaube ich.
      Einen Film nach dem Trailer zu vergessen, ist tatsächlich kein gutes Zeichen.

      Liken

  2. Als positives Beispiel kann ich für mich den Trailer zur Serie Babylon Berlin nennen.
    Ich sehe normal keine einzige Serie, aber der Trailer hat mich gepackt und ich habe keine Folge verpasst.
    Schon komisch, wie auch Trailer Zuschauer manipulieren können 🙂
    Gruß
    27

    Gefällt 1 Person

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