Ruraler Film: Der dichte Bewuchs des Amazonasdschungels

Wie schon Catherine Fowler feststellte, sind urbanen Orte im Film im öffentlichen Diskurs in endloser Zahl thematisiert und angesprochen worden. Die fast logisch anmutende Verbindung von Film als moderne Technologie und Stadt als Zentrum für das fortschrittliche Leben drängen den ruralen Raum und seine Bilder im wissenschaftlichen Diskurs in den Hintergrund. Aus diesem Grund möchte TBC an dieser Stelle einen Perspektivwechsel eingehen und einen Blick auf genau diesen Gegensatz zwischen urban und rural richten.

Im Zentrum der Betrachtung steht dabei die Repräsentation des ruralen Ortes des Amazonasdschungels. Der Kontrast zwischen Stadt und Land lässt sich anhand der folgenden Filmbeispiele deutlich aufzeigen, allerdings wird auf eine Schilderung des urbanen verzichtet. Dies ist schon in den auf TBC veröffentlichten Artikeln Stadtbilder und Berlin geschehen. Der ländliche Raum – in diesem Beispiel stellvertretend der Amazonasdschungel als Ort, steht laut Fowler in Verbindung mit „its emphatic focus upon traditional folkways and mores connected to life on the land“ und bildet so die Antithese zu mit „technology, progress, and forward development“ assoziierten Städten. Anschaulich verdeutlicht diesen Gegensatz Werner Herzogs Film Fitzcarraldo.


place image: Die Vermittlung eines Ortes durch ein Medium, in diesem Fall der Film.


Der dichte Bewuchs des Dschungels wird bewohnt von indigenen Stämmen die mit den Ideen des ‚weißen Mannes‘ konfrontiert werden. Klaus Kinskis Charakter repräsentiert die moderne Gesellschaft und das Streben nach Entwicklung, das Forwärtsdenken. Mit seiner Absicht ein Opernhaus, hier das Symbol für Urbanität, im Dschungel zu erbauen, kollidiert er mit den traditionellen Gewohnheiten der Ureinwohner des Regenwaldes. Plötzlich sind nationale Grenzen und politische Ordnungen ausgehebelt und die von Fowler angesprochenen „traditional Folkways and mores“ bestimmen das place image. Vor Ort stimmen weder Sprache noch Äußeres beider Parteien überein; die aus westlicher Perspektive zivilisiert anmutende Kleidung der Stadtbewohner sticht aus der Umgebung und ihren Bewohnern deutlich heraus.

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Fitzcarraldo | (c) 518 Media

Werner Herzog verstärkt diesen kulturellen/ideologischen Kontrast durch eine optische Abgrenzung: Die in weiß Gekleideten Eindringlinge heben sich von der Masse an dunkelhäutigen und nur wenig bekleideten Indigenen deutlich ab. Die Speere der „Nacktärsche“ ragen dabei so senkrecht in die Höhe wie die Bäume des Waldes und symbolisieren ihre Verbundenheit mit der ursprünglichen Natur. Dieser schwarz-weiß Kontrast ist dabei nicht als Wertung zu verstehen, vielmehr reflektiert er die Eigenwahrnehmung der Protagonisten, welche so ihre überlegene Zivilisation vertreten wollen. Der Satz „Sie werden den Herren eine nette Plattform zur Aussicht errichten“ verdeutlicht die Machtkonstellation. Dass sich eben jene Hauptfiguren alsbald über den Baumwipfeln des Dschungels aufhalten und Fitzcarraldo seine Idee ein Schiff über einen Berg zu schleppen ausspricht, ist aus einer (post-)kolonialen Sicht betrachtenswert, soll an dieser Stelle jedoch nicht vertieft werden. Ein wilder, unsauberer 360-Grad-Schwenk der Kamera verdeutlicht die Weite und umfängliche Ausbreitung des Waldes: Wohin man auch blickt (in diesem Fall die Kamera) findet sich nichts anderes als Grün. Die einsetzende Musik verbindet das Visuelle an dieser Stelle mit etwas Positiven, Unberührten und erzeugt mit seinen Gitarrenklängen zugleich eine Aufbruchsstimmung, die die anschließenden Taten anklingen lässt.
El abrazo de la serpiente, zu deutsch: Der Schamane und die Schlange, zeigt eine ähnliche Kollision. Im Film treffen zwei Europäer im Abstand von 40 Jahren auf den im Amazonasurwald lebenden Schamanen Karamakate. Natur und indigener Bewohner stehen dabei in enger Beziehung zueinander. Der Schamane nutzt den Urwald als Landkarte, findet sich in ihr auch ohne Wege und Straßen zurecht und bedient sich ihrer Stoffe und Materialien. Das repräsentierte Ortsbild zeichnet sich durch dieses Wissen um den Ort aus, denn der Europäer kennt zwar den Dschungel, seine Absicht die Karuna Pflanze zu finden kann er jedoch nicht alleine erfüllen, er ist von Karamakate abhängig. Der Zuschauer befindet sich dabei in einer ähnlichen Rolle, wird jedoch eher zwischen beiden Figuren positioniert. Der Bildcode ist dabei unparteiisch zu lesen, so befindet sich die Kamera häufig zwischen beiden Figuren. Ebenso verständigen sich beide auf ebenbürtigem Niveau, auf Spanisch, und werden dabei nur von der Tonkulisse des Regenwalds kommentiert.

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Der Schamane und die Schlange | (c) Alfa Films

Das place image wird zwar äußerlich als fremd, dicht, ursprünglich, naturbelassen und nur wenig durch menschliche Einflüsse gezeichnet abgebildet, die Narrationsebene bricht dies jedoch auf, da beide Protagonisten diesen für den Zuschauer eigentlich ungewohnten Ort als ihre alltägliche Umgebung verstehen. An diesem Punkt entsteht eine gewisse Diskrepanz, die das Publikum den Urwald durch eigene Augen betrachten lässt, da die gezeigten Figuren nur begrenzt als Fenster in die Welt dienen können. Die schwarz-weiß Optik verstärkt die Neugier an den Bildern, dient dem Film aber schlussendlich dazu, das profane vom Übernatürlichen abgrenzen zu können. Dies geschieht durch eine eindrucksvolle Schlusssequenz, die an dieser Stelle nicht vorweg genommen werden soll. Stanley Kubrick wäre jedoch gerührt.

Der Dschungel rund um den Amazonas wird von den Regisseuren Herzog und Guerra als naturbelassen, dicht und mithilfe vieler Pflanzen inszeniert. In beiden Narrativen dringen Europäer an den ihnen fremden Ort vor, um sich den Eigenschaften des Urwaldes zu ermächtigen bzw. ihn zu bezwingen. Während Guerra vor allem die Suche europäischer Kolonialmächte nach Ressourcen abbildet, ist Herzogs Thema auf die ideologische Verbreitung herunterzubrechen. Fitzcarraldo spricht dabei direkt den Kontrast zwischen urbanen und ruralen Lebensräumen an, indem er seinen Hauptcharakter auf vergeblicher Suche nach erfolgreichen Städtebauprojekten – in diesem Fall die Erschließung des Dschungels mithilfe der Eisenbahn und das Errichten eines Operhauses – zeigt. Der rurale Raum ist dabei stets das zu überwindende Hindernis, welches der Stadt und ihrer Ausbreitung im Wege steht, ein Zustand, welcher als von den Hauptfiguren als veränderbar angesehen wird. Beide Regisseure scheinen mit ihren Filmen diese Haltung zu kritisieren, sie wollen die Natur als eigenen Raum, den Amazonasurwald als schützenswerten Ort zeichnen. Aneignungsprozesse sollen nicht die ursprüngliche Bedeutung des Ortes verändern: Lebensraum für indigene Völker und eine rurale Form der Zivilisation.

Der neue Film von Ciro Guerra: Birds of Passage erscheint in dieser Woche.


Titelbild: (c) 518 Media

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