Male Leads: Lucas Hedges

Lucas Hedges ist ein in der Öffentlichkeit der populären Filmindustrie eher unscheinbarer Name, doch der 1996 in New York geborene Schauspieler hat es geschafft sich über verschiedene kleine Auftritte und Nebenrollen in die Reichweite interessanter Figuren zu manövieren und sollte gerade in dieser Zeit unter Beobachtung stehen.

Es war sein Vater, Peter Hedges, der Lucas vermutlich nicht ganz freiwillig in das Filmbusiness brachte. In Pieces of April und Dan in real life, bei denen Peter Hedges Regie führte, tritt Lucas als sieben- und elfjähriger zum ersten Mal in Erscheinung. Dabei blickt er durchaus amüsiert auf seine einzige Szene in Dan in real life zurück, die ihn nachhaltig verstehen lässt wie das Brechen der vierten Wand nicht verwendet werden sollte. er blickt bei einem Tanz direkt in die Kamera.
Dieser kleine Fauxpas sollte seine Karriere jedoch nicht nachhaltig behindern, und so wurde im Jahr 2010 Wes Anderson auf ihn aufmerksam. Als jugendlichen Antagonisten und Anführer der Khaki Scouts castet Anderson ihn in seinem Film Moonrise Kingdom. Die typischerweise schräg überzeichneten Scouts und ihre Aufträge gipfeln in der Mitte des Films in einer Gegenüberstellung des geflohenen Liebespaares und ihrer Verfolger. Hedges übernimmt dabei den Redepart der Verfolger und mimt auf seinem Motorrad die Persiflage eines an Aldo Raine aus Inglourious Basterds erinnernden Soldaten. Seine Ausdrucksweise, seine abgebrüht wirkende Art und seine Befehlshörigkeit sorgen in Kombination mit seinem Alter für den gewünschten komischen Effekt, transportieren jedoch zugleich eine gewisse Coolness, wie sie auch Steve McQueen auf einem Motorrad vermitteln konnte: Eine gelungene Hommage.

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Manchester by the Sea | The Zero Theorem | Moonrise Kingdom

Während Lucas Hedges auch in Wes Andersons nächstem Film, Grand Budapest Hotel in einem kurzen Auftritt durchaus sein Talent zeigen kann, muss auch der Inszenierung ein großer Teil am Erfolg dieser Szenen zugemessen werden. Nicht zwingend so in seinen jüngeren Werken: Seit seiner Nominierung für den Oscar als bester männlicher Nebendarsteller in Manchester by the Sea ist sein Können nicht mehr abzustreiten. Seine Verkörperung des teils verbitterten, teils selbstbewussten und von außen auch stellenweise einfältig wirkenden Sohns eines verstorbenen Vaters, unterhält den Zuschauer durch einen erfrischend mehrdimensionalen Umgang mit Verlust. Hedges verbindet eine durch Pubertät eher widerstreitende Grundhaltung mit tiefsitzenden Ängsten und Trauer und schafft ein Spiel zweier eigentlich in direktem Kontrast stehenden Emotionen. Er trägt damit entscheidend zur Geschichte und zum heute hohen Ansehen des Films bei.

All my friends are here. I got two girlfriends and I’m in a band. You’re a janitor in Quincy. What the hell do you care where you live?“

-Lucas Hedges in Manchester by the Sea

Die Rolle des Sohns ist im Nachgang des Films die, für ihn in den vergangenen zwei Jahren maßgeschneiderte. In Three Billboards outside Ebbing, Missouri pflegt er eine starke und offen-ehrliche Beziehung zu seiner Mutter, die sich mit den Grauen der Vergewaltigung und Ermordung der Tochter der Familie auseinandersetzen muss. Gesprochen wird dabei in Martin McDonagh typischer Manier mit hartem, ehrlichem und auch obszönem Wortlaut, der ein Verhältnis zeigt, dass nicht durch (in Relation) kleine Zwischenfälle in die Brüche geht. Diese Beziehung ist eine angenehm klischeefreie Version einer amerikanischen Familie.

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Three Billboards outside Ebbing, Missouri | Ben is back | Grand Budapest Hotel

Gegenwärtig findet sich Lucas Hedges erneut in einem von seinem Vater inszenierten Film: in Ben is back. Ein möglicherweise bei den kommenden Academy Awards berücksichtigtes Duo bestehend aus ihm und seiner im Film vom Julia Roberts verkörperten Mutter führt den Zuschauer in die Abgründe der Auswirkungen von Drogenkonsum und den Tiefen eines durch (Ko-)Abhängigkeit entstandenes Familiendrama. Ben is back fokussiert sich dabei vollkommen auf Mutter und Sohn und zeigt das bisher extrovertierteste Spiel von Hedges, der den Film mit seinem weiblichen Gegenpart mit Leichtigkeit trägt.
Ob ihm dies auch in dem im Februar anlaufenden Boy Erased gelingen wird, muss sich zeigen. Die Rolle des homosexuellen Sohns einer katholischen Familie scheint wie für ihn geschrieben, zeigt jedoch auch, dass seine Filmkarriere sich aktuell stark in eine einzige Richtung bewegt. Um eine vielfältige Filmkarriere fortführen zu können, sollte sich der heute 22-jährige bewusst werden, dass ihm diese Rolle nicht ewig angeboten werden kann und er, bevor er ein gewisses Alter erreicht, sein Spiel diversifizieren muss. Ansätze dazu zeigen sich in Moonrise Kingdom oder auch in Terry Gilliams The Zero Theorem. Lady Bird oder das baldig erscheinende, von Shia LaBoef geschriebene, autobiografische Werk Honey Boy, schlagen jedoch (vermutlich) wieder in altbekannte Kerben. Ob Jonah Hills Regiedebüt Mid90s eine andere Rolle für Hedges aufbietet, muss sich ebenso noch herausstellen.

Diese kurze Übersicht und Analyse der Rollenauswahl von Lucas Hedges wurde vor dem Hintergrund der Rubrik Male Leads: vollzogen. In diesem Kontext sollen Schauspieler vorgestellt und tiefer durchleuchtet werden, als es ein einfacher Wikipedia-Artikel tut.

Bitte nennt junge, interessante, vielseitige oder zu wenig beachtete SchauspielerInnen, über die ihr gerne mehr erfahren würdet. Folgt TBC gerne auf WordPress oder Facebook und teilt eure Meinung mit.

 


Titelbild: (c) Kurt Iswarienko

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