Gotham City: Kriminelle Großstadt oder fantastischer Moloch

[Fiktive] Orte erzählen […] Geschichten, in die wir uns zuweilen ebenso hineinträumen können wie in Wolkenbilder am Himmel oder jene Landschaften, die zwischen Tag und Dämmerung unsere Aufmerksamkeit für zumindest einen Augenblick bannen können. Lassen Sie sich mitnehmen an die Orte der Fantasie …“

-Werner Nell (2014)

Mit diesen Worten schildert Werner Nell die Bedeutung fiktiver Orte, in die sich Zuschauer oder Leser oder andere Rezipienten flüchten können. Es sind Orte der Fiktion, die in seinem Atlas der fiktiven Orte im Mittelpunkt stehen und dabei wie reale Orte behandelt werden. TBC will es ihm an dieser Stelle gleich tun und verdeutlichen, dass ein im Film geschaffener Ort durch Repräsentation ebenso real wirken kann, wie ein in der wirklichen Welt vorhandener. Als Beispiel dient dabei die aus Comic-Literatur und Film bekannte Kulisse Gotham City, in der Batman seine Handlungen vollzieht.

Der Zuschauer sieht die Skyline einer Großstadt, Hochhäuser türmen sich auf und ragen in die Höhe des Nachthimmels an dem der fahle, wolkenumschlungene Mond glänzt. Es scheint eine Art Nebel oder Smog zwischen den Häusern in denen hell erleuchtete Fenstern prangen, zu schweben. Es ertönen ferne Polizeisirenen deren Sound lauter wird sobald das Bild von dieser ersten Totalen der Skyline zu einer Ansicht der Innenstadt wechselt. Ein Polizeiauto überquert eine von Menschen und Fahrzeugen überquellenden Straßenkreuzung. Die Gebäude scheinen sich allerseits in die Höhe zu stapeln und der Stahl und Beton der Fassaden verhindert den Blick auf den eben noch scheinenden Mond. Mit diesen Establishingshots führt Tim Burton das Setting seines 1989er Films Batman ein und folgt im Anschluss einer dreiköpfigen Familie durch die engen Gassen der City. Sobald sich die Kamera auf die Höhe der Menschen begibt, fällt das Treiben auf den Straßen, Grünflächen und Gehsteigen auf: Verschiedene Geräuschquellen spielen Musik, erzeugen Motorengeräusche oder lassen die immer latent vorhandene Polizeisirene aufheulen. Ton und Bild zeigen eine enge, dreckige und verstopfte, für die Figuren unangenehme Innenstadt. Geschäftsleute, Straßenhändler, Prostituierte und Obdachlose bestimmen das Stadtbild, je nachdem wie weit sich der Zuschauer von der Hauptstraße entfernt.

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Batman (1989) | (c) Warner Home Video

In den Gassen jenseits des Treibens schlägt die Musik einen mysteriöseren Ton an, sie untermalt das Ungewisse, das die Protagonisten der Szene hier zu erwarten scheint. Dampfende Kanaldeckel, verwahrloste Gänge und provisorisch errichtete Schlaflager begleiten ihren Weg. Neben Parkplätzen für die Wagen der Oberschicht sind diese Hinterhöfe und Gassen Aufenthaltsort und Chance auf Einnahmen für Obdachlose. Die Polizeisirenen zu Beginn geben schon früh einen Hinweis auf die kriminelle Seite der Stadt, die Dunkelheit der Nacht und der Gassen verstärkt diese Atmosphäre zusätzlich und das Schicksal der unwissenden Familie bestätigen dies schlussendlich. Ein Räuber tritt dabei mit einer Schusswaffe und in einfacher, abgenutzter Kleidung auf. Das bunte Kopftuch der Ehefrau steht in deutlichem Kontrast zu den braun-grauen Jacken der Kriminellen.
Tim Burton legt in diesen ersten Minuten seines Films die Atmosphäre, eingeschlossen der ständig herrschenden Gefahr offen und verdeutlicht dem Zuschauer warum der titelgebende Held notwendig scheint, um in dieser Stadt für Recht und Ordnung zu sorgen.

Eine vergleichbare Einführung der Stadt gibt es in Christopher Nolans The Dark Knight nicht. Zwar wird auch hier die Eröffnungsszene von der Schilderung eines Verbrechens dominiert, vielmehr konzentriert sich der Film dabei jedoch auf die Charakterisierung und Vorstellung des Antagonisten; Gotham City steht dabei nicht wie bei Tim Burton im Vordergrund.

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The Dark Knight | (c) Warner Bros. Pictures Germany

Gotham City wird in The Dark Knight als amerikanische Großstadt inszeniert: Die Skyline erinnert an Chicago oder New York und wirkt wenig einschüchternd; wie sie es noch bei Batman von 1989 macht. Die Straßenzüge wirken ebenso eng, jedoch erst im Zentrum der Stadt, und auch hier wesentlich offener und deutlich weniger schmutzig. Dennoch scheint Sicherheit auf den Straßen nur schwierig zu gewährleisten zu sein. Eine Parade zu Ehren des verstorbenen Polizeichefs wird von unzähligen, schwer bewaffneten Wachmännern auf den Dächern und an den Häuserfronten begleitet. Die Polizeipräsenz ist enorm hoch und verdeutlicht die Rolle der Exekutive in Gotham City. Die Szene wirkt durch die Rede eines Sprechers in Kombination mit den unzähligen Polizeibeamten wie eine typisch amerikanische Parade mit Augenmerk auf Militär bzw. in diesem Fall Polizei. Das gezeigte Bild des Stadtzentrums stützt den Eindruck der Notwendigkeit großstädtischer Sicherheitsvorkehrungen: Die visuelle Ebene zeichnet eine Innenstadt enger hoher Häuserschluchten mit scheinbar langen, schachbrettartig angeordneten Straßenzügen, die von einer hallenden Rednerstimme unterstützt wird. Hochwertige Einrichtungen wie Banken oder Regierungsgebäude scheinen die Nutzungsräume rechts und links der Parade zu dominieren, soziale und politische Merkmale, wie sie in der Einführungssequenz von Tim Burtons Films nicht auftauchten.

Nolan schafft sein Gotham City wesentlich näher an der Realität und gibt dem Zuschauer mehr Vertrautes an die Hand, als es Burtons Verwebung von Kriminalität und Urbanität tut. Hierzu trägt auch die Kameraführung bei: Während Burton jederzeit mit einer fest montierten Kamera arbeitet und so eher eine beobachtende Position einnimmt, nutzt Nolan die Wackler der Handkamera, um den Zuschauer in das Geschehen der Menschenmasse zu holen. Der direkte Kontakt mit den Ereignissen und die physisch fast greifbaren Figuren vermitteln die schon geerdete Atmosphäre des Films noch einmal stärker, als es Einstellungen aus z.B. der Vogelperspektive tun würden. Die Großstadt Gotham City hier wirkt weniger erdrückend, eher nüchtern, und verändert in ihrer Darstellung die Atmosphäre des noch bei Burton Gefühlten völlig. Während Burton einen überfüllten, bunt-schrägen Comicfilm inszeniert ist The Dark Knight eher ein bodenständiger Action-Thriller in dem die Protagonisten scheinbar zufällig Fledermaus- und Clownskostüm tragen. Das Fantastische, das Burton so herausstellt und zum Markenzeichen seines Werks macht reduziert Nolan auf ein Minimum.

Die Entscheidungen der Inszenierung haben zufolge, dass sich die Städte fast nur in der Anwesenheit des Verbrechens und der Polizei vereinen lassen. Dieses Motiv des Kriminellen ist in jeglicher Geschichte um Batman das treibende Element der Handlung und kann somit als unverzichtbar für eine glaubwürdige Adaption der Vorlagen angesehen werden – ohne eine Stadt voller Kriminalität, wäre die Handlung eines Batmanfilms offenkundig obsolet.
Bei weiterführendem, auch wissenschaftlichem Interesse an der Thematik ist der Blog Kinoarchitekten zu empfehlen, welcher sich diesem filmgeographischen Thema aus diversen Perspektiven nähert. Dieser ist ebenso Inspiration sowie Quelle der hier in Teilen leicht verändert veröffentlichten Texte.

Welche Beispiele für extrem gegensätzliche Inszenierungen von Orten kommen euch in den Sinn? TBC freut sich über eure Gedanken zu Gotham City und anderen Orten.

 


Titelbild: (c) Batman Wiki
Quelle zu Nell: Nell, W. (2014): Atlas der fiktiven Orte: Utopia, Camelot und Mittelerde. Eine Entdeckungsreise zu erfundenen Schauplätzen. Mannheim.

 

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