Blockbuster: Gelungener Kommerz und doppelseitiges Spiel

Der zeitgenössische Blockbuster als Opfer der Gewinnmaximierung und ideenlosen Geldmaschinerie war schon vor einigen Wochen Gegenstand zweier Artikel auf TBC. Die vielseitige und breite Resonanz auf das Thema, auch durch die Erwähnung auf anderen Blogs, ist Ursache für eine weitergehende und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex. Um den negativen Stimmen eine positive gegenüber zu stellen, argumentieren im folgenden Artikel einige gelungene Filmbeispiele für die durchaus vorhandene Qualität von Sequels, Spin-Offs und ähnlichen Ausgeburten der Franchiseisierung.

Den Anfang macht dabei eine um die Jahrtausendwende die Karriere von Will Smith in Fahrt bringende Filmreihe, welche in den Jahre danach von privaten TV-Sendern totgesendet wurde. Fast jeder Filminteressierte hat schon einmal freitagabends zufällig oder absichtlich einen Men in Black Teil eingeschaltet. Die Qualität der Reihe wurde hierdurch zwar nicht direkt herabgesetzt, Übersättigungsgefühle lassen sich jedoch nicht leugnen. Dies trifft jedoch nicht zwingend auf Teil 3 zu. Dieser dritte Teil erschien im Jahr 2012, zehn Jahre nach Teil 2, und schafft es eine leichtfüßige Geschichte zu erzählen, die den über die Jahre durch Pro7/Sat1 angesetzten Rost der beiden vorherigen Teile hinter sich zu lassen vermag. MiB III  ist in keinster Weise perfekt, schafft es jedoch seinen stellenweise übertrieben komödiantischen Ansatz so offensichtlich zur Schau zu stellen, dass Ernsthaftigkeit zu fast keinem Zeitpunkt gefordert wird. Der Film nimmt einige plot holes, wie sie im Zeitreise-Genre nicht selten auftauchen, gerne in Kauf, um dafür Gags oder kreative Ideen umsetzen zu können. Dabei scheint von Beginn an deutlich zu werden, dass sich das Gezeigte nicht zu ernst nimmt: Charaktere wie Boris die Bestie (hier ist der deutsche Name durch die Alliteration tatsächlich  gelungener als das englische Boris the Animal), ein Gefängnis auf dem Mond, wörtlich zu nehmende Zeitsprünge von Empire State-Building und selbstverständlich die grundsätzliche Idee inklusive einiger Alien-Cameos.

The Viagrons have come up with a revolutionary new pill…“

-Agent O in Men in Black 3

Die teilweise durchaus antiquierte Geschichte um eine Zeitreise und die damit verbundene Rettung der Gegenwart kann, ebenso wie die sich aus den vorherigen Teilen wiederholenden Alien-Jagden in der Innenstadt New Yorks, das Filmerlebnis einiger Zuschauer einschränken. Als alleinstehendes Werk, denn die Zusammenhänge zu den ersten beiden Trilogieteilen sind sehr lose und lassen Spielraum für eine einzelne Sichtung, funktioniert Men in Black 3 allerdings gerade aufgrund der angesprochenen Leichtigkeit. Der emotionale Bogen den die Geschichte schlägt, der als größtes Geheimnis des Plots mit den anderen beiden Teilen in entfernter Verbindung steht, gibt dem Film eine abrundend mehrschichtige Note, und schafft es so neben den komödiantischen und inszenatorischen Elementen eine für einen Film nicht unwichtige zusätzliche Ebene zu installieren.

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Men in Black 3 | (c) Sony Pictures Releasing GmbH

Die emotionale Ebene der folgenden Reihe ist alleine durch ihre lange Geschichte und ihre große Fangemeinschaft gegeben: Die Neuauflagen der im kollektiven Filmgedächtnis hoch angesehenen Star Wars Serie ist eines der meist diskutierten Phänomene des Internets und spaltet die Zuschauerschaft. Die enorme und endgültige Einflussnahme des Studios auf die Regisseure, der auf Gewinnmaximierung ausgelegte Cast, die ökonomisch getakteten Releasedaten der Filme sind dabei nur Nebengeräusche hinter den inhaltlichen Debatten über Geschichten und Charaktere. An dieser Stelle soll jedoch nicht über die besorgniserregende Umtriebigkeit des Disney-Konzerns gesprochen werden, vielmehr stehen die Inhalte des neusten Werkes dieses Unternehmens im Mittelpunkt. Denn obwohl, oder gerade aufgrund des finanziellen Misserfolgs von Solo: A Star Wars Story weist der Film frische und lange vermisste Elemente eines großen Kinofilms auf.

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Alden Ehrenreich als Han Solo | (c) Walt Disney Studios Motion Pictures

Solo erzählt die Geschichte des jungen Han Solo und verzichtet dabei auf epische und bedeutungsgeladene Enthüllungen und Andeutungen wie es beispielsweise Episode 7 und 8 tun. Zwar beziehen sich Momente wie die Namensgebung des Protagonisten oder Auftritte bekannter Figuren ebenso auf die originale Trilogie, Solo scheint jedoch weniger darauf ausgerichtet zu sein, einen emotionalen Höhepunkt abzubilden und den Zuschauer in neue Sphären des Star Wars-Kinos zu heben. Besteht in The Last Jedi das Gefühl der Enttäuschung in Hinblick auf zuvor angedeutete Plotdetails, wendet sich Solo einer grundsoliden Abenteuergeschichte zu und verzichtet auf das Spiel mit den Emotionen des Zuschauers. Ob dieser Vorteil auf die Ausgangslage und das Wissen um das Überleben der Protagonisten zurückzuführen ist, ist dabei nicht entscheidend.
Der Film von Ron Howard findet seine Stärken vor allem in der von ihm geschaffenen Welt, den neuen, schmutzigen und entsprechend hart inszenierten Facetten des Universums. Die rohe Brutalität eines Kriegs (immerhin war das schon seit jeher der Titel der Reihe) wird hier in einigen Szenen fast ohne den Filter eines Mainstreamfilms gezeigt und nimmt den Zuschauer mit in Unbehagen. Der Regisseur geht den Schritt mehr in Richtung Immersion, die in The Last Jedi gefehlt hat und schafft zu 90 Prozent der Zeit eine geschlossene Stimmung, die den Zuschauer nur selten aus dem Film ins Kino zurück wirft.

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Donald Glover als Lando Calrissian | (c) Walt Disney Studios Motion Pictures

Dies übernimmt einige Male der Hauptdarsteller Alden Ehrenreich. Nicht etwa durch abfallendes Schauspiel, alleine seine Rolle löst dies aus. Der Protagonist des Films ist unterhaltsam und schafft es den Film über die gesamte Laufzeit zu tragen. Die gewitzte, freche und leichtsinnige Art rangiert auch in dieser Interpretation irgendwo zwischen Indiana Jones, Uncharted’s Nathan Drake und ähnlichen – natürlich muss angemerkt werden, dass der ursprüngliche Han Solo all diese in starken Maß inspiriert hat. Die Neubesetzung des Schmugglers sorgt dabei allerdings zweifelsohne für den Vergleich zwischen Ford und Ehrenreich und ist ein starker Faktor für die Trennung zwischen a) Eintauchen in eine vom Film geschaffene Welt, und b) Betrachten eines Films auf der Leinwand. Es stellt sich die Frage, ob der Film nicht davon profitiert hätte, seine Figuren neu zu schaffen, sie von den vorherigen Filmen, der gesamten Reihe, loszulösen und nicht Chewbacca, Han Solo und Lando Calrissian zu nennen. Nicht die Qualität des Schauspiels beschäftigt das Gehirn des Zuschauers, viel mehr die ständige Verknüpfung mit dem Original – wobei der gesamte Film ohne dieses funktionieren würde. Das Disney so in fast jedem Film der Reihe eine Metaebene schafft, die den Betrachter aus der kreierten Welt herauszieht, schadet der Erfahrung des Zuschauers.

Der grundsätzliche Mut eine solide, unterhaltsame Abenteuergeschichte ohne große Schwächen zu verfilmen und dabei die Verbindung zu großen Franchises loszulösen würde Raum für Neues schaffen und den Eindruck ewiger Beharrung auf der Finanzkraft einer Marke abschwächen. Positive und zugleich erfolgreiche Beispiele finden sich dafür jedoch kaum, einige wenige sind im Artikel: Blockbuster: Ein Kanadier und ein Brite retten das Hollywoodkino aufgeführt.

Welche positiven Beispiele für Filme eines Franchises fallen Euch ein? Gibt es mehr als ein paar wenige Lichtblicke? Wie bewertet Ihr die aktuellen Star Wars-Ableger?


Titelbild: (c) Sony Pictures Releasing GmbH

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7 Gedanken zu “Blockbuster: Gelungener Kommerz und doppelseitiges Spiel

  1. Da ich nicht mehr ins Kino gehe, bin ich über Spin-Offs nicht wirklich im Bilde, doch die letzten Teile des Krieg der Sterne Epos waren reine Materialschlachten, auch wenn die Schauspieler besser waren als die Ursprungscrew, mit Ausnahme eines H. Ford. Die sogenannte Gewinn-Garantie verhindert heute Projekte, welche neue Charaktere oder überraschende Geschichten liefern und übrigens. Jeder weiß doch das Reisen in die Zeit nur vorwärts möglich sind, nie rückwärts 😉

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  2. Hallo, ich muss ehrlich zugestehen, dass ich nicht weiß, was Spinn-Offs sind. Es ist mir echt ein Rätsel, warum so viele gebildete Menschen, eine eigene Sprache entwickeln, die nur noch aus dem englischen, Kurzsprachenbereich, eine Art Verdenglischung (deutsch und englisch zusammengeworfen) und Abkürzungen bestehen. Man wird ja schon bestraft, wenn der Gegenüber seine Freude schon nicht mehr zu Ausdruck bringen kann. Ich habe letztens ein LOL zurückbekommen. LOL? Ich habe dann mal direkt gefragt, bist Du Tommy Ohrner? Ja, das kennt halt nicht mehr jeder.

    Dein Schreibstil und Deine Texte, sind wie immer, auf sehr hohem Niveau, aber dennoch angenehm zu lesen. Was nicht überzeugt und mir auch beim Lesen nicht zusagt, ist der von links und rechts zerquetschte Postbeitrag, welcher doch mehr Aufmerksamkeit und Freiheit erhalten sollte.

    Um wieder auf den Anfang zurückzukommen, würde ich mir mehr Erklärungen wünschen, so dass auch ein Quer-, Neueinsteiger, oder ein Unerfahrener im gleichen Moment erfährt was ein Spinn-Off oder plot hole ist. Wenn man dann im ersten drittel mit so viel themenspezifischen Worten zugeworfen wurde, kann es passieren, dass eventuell der Neueinsteiger direkt wieder aufgibt. Einige Sätze hätten vielleicht Ausbaupotential, wie …..auf dem Fernsehkanal TBC. Soll doch ein Fernsehsender sein?

    Leider muss auch ich, wie mein Vorredner zugeben, dass ich nicht mehr ins Kino gehe. Dabei geht es lediglich um die Bequemlichkeit, die man in den eigenen vier Wänden hat. Man kann in Ruhe ohne Poppkorngeknister, getuschel vor oder hinter einem und ohne einen Sichtbehinderer den Film genießen, den man sich mittlerweile fast ein halbes Jahr nach Kinostart online bestellen kann und mit den neuen Smart-TV’s ist das alles ja kein Problem mehr. Und wenn man doch noch mal mittendrinn ein dringendes Bedürfnis hat, verpasst man dank Pause und Start auch nichts mehr vom Film. Bei Men in Black finde ich alle drei Teile großartig und Zurück in die Zukunft oder im Original Back to the Future, sind auch verwirrende Reisen in die Zukunft und Vergangenheit möglich.

    Die allerersten Star Wars Teile sind spannend und waren zur damaliger Zeit technisch auf dem Höhepunkt. Ich persönlich kann mit Rücksprüngen, obwohl doch schon die Zukunft erzählt wurde, nichts anfangen und frage mich immer, fällt den Drehbuchautoren nichts mehr für die Zukunft ein? Mich würde auch kein Film interessieren, wie James Bond zum Agenten wurde, aber das ist nur meine eigene Meinung.

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    1. Liebe/r mmuehlstein,

      danke für deinen Kommentar, ich versuche einmal von oben an Deine sehr ausführlichen Fragen zu beantworten und auf die Kritik einzugehen.
      Bei den englischen Begriffen kann ich durchaus nachvollziehen, dass nicht jeder diese versteht, dennoch ist es schwierig diese einzudeutschen, da es schlicht und ergreifend für plot hole (etwa Handlungsloch) oder spin-off (ein aus einer Filmreihe ausgegliederter Film, den Fokus auf andere Handlungen legend, als das Original; wörtlich: Ableger), keine deutschen Begriffe gibt. Weiterhin sehe ich die zunehmende Zahl an englischen Begriffen in der deutschen Sprache als nicht problematisch an, ich gehe davon aus, die meisten dieser Worte kommen aus dem Internet (auch immer einhergehend mit Globalisierung), und dieses ist nun einmal englisch veranlagt, zumindest wenn man sich etwas fortgeschrittener als mit spiegelonline und Konsorten darin aufhält. Über „lol“ kann jeder gerne denken was er/sie mag.

      Bei der Formatierung und der Einengung macht mir wordpress leider einen Strich durch die Rechnung; danke für das Lob.

      Über die Erklärungen mache ich mir Gedanken, weiß aber auch, dass ich mich eher auf filmische Inhalte konzentrieren will, als ein Filmlexikon zu schreiben. Vielleicht findet sich hier ein weg via Verlinkungen. Den Satz mit dem Fernsehkanal verstehe ich nicht, im TV habe ich leider noch keine Präsenz.

      Über das Thema Kino kann vieles gesagt werden, ich weiß nur, dass mich der Weg ins Kino öfter anzieht, als mich abzuschrecken, und dass mir 5€ für ein Ticket besser angelegt scheinen, als für ein Netflix-Abo. Auch um die gesunde, lokale Kinokultur zu unterstützen.

      Das mit den Drehbuchautoren ist genau das was ich ansprach und das hat dein Vorredner vermutlich durch die erwähnte „Gewinn-Garantie “ leider erläutert. Was ist denn eine Filmreihe von der Du nichts mehr sehen kannst, oder bei der Du denkst eine Veränderung täte ihr gut?

      Vielen Dank für deinen ausführlichen und hilfreichen Kommentar, es ist nett, dass du dir so ausführlich Zeit nimmst, um deine Gedanken auszudrücken.

      (Achtung Abkürzung)

      LG TBC

      Gefällt 1 Person

  3. Hallo, Felix,

    ich bin vom Beitrag -mal wieder- sehr beeindruckt. Selten findet man im Netz so gut recherchierte und formulierte Texte. Dass dabei eben nicht nur die Blockbuster bedient werden, hebt den Wert für mich um ein weiteres!

    Viele der von Dir besprochenen Filme / Regisseure gehen leider zu oft im Mainstram unter oder aber auch -aufgrund des massenhaften Nachschubs- zu schnell wieder in Vergessenheit. Also auch hier: Hut ab!

    Ich habe mich in der letzten Zeit mit den Filmen aus dem Studio Ghibli beschäftigt. Der Begriff „Anime“ bedient die Palette der teilweise wunderschön erzählten Geschichten m. E. nicht ausreichend. Wenn Du Dich mit diesem Thema (auch ) auseinandersetzt: Hier würde mich Deine Analyse sehr interessieren.

    Beste Grüße
    Markus

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Markus,

      danke für die netten Worte und die Anregungen. Du hast Recht, mit Studio Ghibli sollte ich mich tatsächlich nocheinmal auseinander setzen. Ich habe schon einige Filme gesehen, gerade Die letzten Glühwürmchen hat mich begeistert. Ich werde es auf meine Liste setzen.

      Danke und
      LG TBC

      Gefällt 1 Person

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