Kopfkino: Zwischen räumlicher Enge und freier Vorstellungskraft

Es lässt sich darüber streiten ob die Bildgewalt und die Möglichkeit große, eindrucksvolle Bilder auf großen, eindrucksvollen Leinwänden abzubilden als herausragendste Stärke des Kinos anzusehen ist. Ein Genre des Mediums widerspricht dieser These jedoch grundsätzlich und schafft es dennoch beeindruckende Bilder zu schaffen, die dabei jeder Zuschauer für sich selbst zeichnet.

Das Genre des Kammerspiels begrenzt seine Handlung häufig auf kleine, räumlich begrenzte Schauplätze und scheint seinen Reiz vordergründig durch Schauspiel und Dialoge zu ziehen. Filme wie Der Gott des Gemetzels, A Streetcar Named Desire oder auch The Breakfast Club sind passende Beispiele dafür, wie ein harmonierendes Ensemble dem Zuschauer Diskussionen, Beziehungsdramen oder auch den Schulalltag unterhaltsam nahe bringen kann. Alle drei dieser Filme erzählen dabei durch ihre Charaktere unterschiedliche Geschichten, mit der einzigen Gemeinsamkeit des fixen Aufenthaltsortes.

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The Guilty | (c) Ascot Elite

Auf einer ganz anderen Ebene funktionieren jene Kammerspiele, bei welchen sich die Geschichte außerhalb dieses einen Raums abspielt, der Zuschauer sowie die Protagonisten diesen jedoch zu keinem Zeitpunkt des Films verlassen, etwa so wie im dänischen Thriller The Guilty: Der Betrachter folgt den letzten 90 Minuten des Arbeitstags eines Polizisten in der Notrufzentrale Kopenhagens und erlebt dabei die Entführung einer Frau nur über den Telefonhörer. Dabei befindet sich der Wissensstand des Zuschauers zu fast jeder Zeit auf der von Hauptfigur Asger Holm. Eine Visualisierung von Polizeieinsätzen, wie sie am Telefon teils live verfolgt werden, findet folglich nur im Kopf statt. Dabei basiert die Spannung häufig auf dem Wissen um die vergleichbare Infomationsverarbeitung von Zuschauer und Protagonist, sprich: die Wendungen der Geschichte treffen Kinobesucher und Polizeibeamten mit ähnlicher Unmittelbarkeit und auch Härte. Die Bilder, die der Film anstößt scheinen dabei im Nachhinein wesentlich emotional ergreifender zu wirken als eine im gegebenen Fall vermutlich fast standardmäßig umgesetzte Visualisierung eines skandinavischen Thrillers.

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Locke |(c) StudioCanal, Wild Bunch

Vergleichbar mit The Guilty funktioniert Tom Hardys Solostück Locke, in welchem er während einer Autofahrt, sein gesamtes Leben per Telefonat umkrempelt. Auch hier vermittelt das voice-acting der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung die Umstände so detailliert, das Zuschauer und Protagonist zur gleichen Zeit ähnliche Schlüsse ziehen und sich emotional sowie durch die eigene Vorstellungskraft, die Umstände bildlich ausmalen können.
In beiden Beispielen hängt der Erfolg des Films, die Aufrechterhaltung der Spannung über 90 Minuten – mit welcher der Film steht und fällt – vom Hauptdarsteller ab. Sowohl Tom Hardy in Locke, als auch Jakob Cedergren in The Guilty spielen dabei für den Zuschauer nicht vollständig sympathische Figuren – mit Erfolg. Beide durchlaufen über die Spieldauer eine Entwicklung, welche zeitgleich einer Charakterisierung dient und erst in den finalen Momenten eine wirklich aussagekräftige Beurteilung durch den Betrachter zulässt. In The Guilty werden Themen wie Polizeibrutalität und Willkür sowie Korruption und Egoismus verarbeitet, ohne dabei wirklichen Bezug zu anderen sichtbaren Figuren zu nehmen. Der Protagonist dient dem Film als Vehikel, um gesellschaftliche Themen anzusprechen, während er selbst dadurch dem Zuschauer in Gänze vorgestellt wird. Eine Methode die die Beziehung zwischen Rezipient und Figur ein um das andere Mal verändert – innerhalb einer Spielfilmlänge.

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Die zwölf Geschworenen | (c) United Artists

Dabei ist es fast logisch diese Länge auf ca. 90 Minuten zu beschränken, denn gerade auch die renommiertesten Einträge des Genres wie etwa Die zwölf Geschworenen zeigen, dass der Zuschauer bei Laune gehalten werden muss.
Der Film von Regisseur Sidney Lumet schafft es ein Verbrechen durch die Augen zwölf verschiedener Männer so lebendig zu beschreiben, dass einigen Zuschauern im Nachhinein nicht mehr bewusst ist, das die eigentliche Tat im Film nie abgebildet ist. Das Werk von 1957 ist –  wie es sonst nur Geschichten in gedruckter Form sind – in der Lage die Phantasie des Betrachters so anzuregen, dass für jeden einzelnen eine eigene Darstellung des Beschriebenen entsteht: Ein Kopfkino das jeder Zuschauer für sich selbst nach den Stichworten des Regisseurs und der Mimen gestalten kann.

Welche Erfahrungen mit Kopfkino habt ihr gemacht? Welche Filme haben Bilder in eurem Kopf ausgelöst, welche eigentlich gar nicht auf der Leinwand zu sehen sind?


Titelbild: (c) Ascot Elite

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