Stadtbilder: Repräsentation von Städten im Film

Die Abbildung des Wirklichen durch das Medium Film wird seit seiner Erfindung diskutiert, ob aus kritisch reflektierter oder inszenierend schöpferischer Perspektive. Werkzeuge wie etwa Kameraführung und Farbgebung auf der Bildebene, Musik und Sprache auf der Tonebene oder die narrative Verkettung von Bildern und Szenen ermöglichen es den Schöpfern um den Regisseur den Zuschauer mit diversen Repräsentationen zu konfrontieren. Gerade am Beispiel von Städten, lässt sich die Nähe (oder Ferne) dieser zu den realen Orten anschaulich diskutieren.

Woody Allens Vorliebe für die enge Verbindung seiner Filme zu Städten, gerade auch in den jüngeren vergangenen Jahren zu europäischen, bietet sich in idealer Art und Weise an eines seiner Werke zu betrachten. Midnight in Paris ist dafür prädestiniert. Die stellvertretend für den Film stehende Introsequenz legt das Thema des Films in den ersten Minuten dar. Abgebildet werden in unbeweglichen Einstellungen, die bekanntesten Orte der Stadt, vom Arc de Triomphe über die Champs-Élysées, hin zur Kirche von Sacré-Cœur und selbstverständlich dem Eiffel Turm. Die Bilder werden dabei begleitet von unbeschwerten Jazz-Klängen und entlassen den Zuschauer final in einen aus dem Off empfangenen Dialog der beiden Hauptfiguren.
Der Film behandelt im Kern den Kontrast zwischen Romantik und Realismus, zwei Seiten welche in diesem Intro einführend positioniert werden. Eine Partei, Hauptdarsteller Owen Wilson, betrachtet die romantische, später auch fantastische Seite der Stadt, während die andere, der Charakter von Rachel McAdams, eine nüchterne Betrachtungsweise einnimmt. Der Ort der in dieser Bilateralität gezeigt wird, ist eindeutig durch eine der romantischen Seite zugeneigten Perspektive abgebildet und spiegelt damit die Sichtweise des Protagonisten und vermutlich, sofern man die Filmebene verlassen will, auch die des Regisseurs wider. Woody Allen zeichnet Paris als lohnenswerten Wohnort, als fantasievolle Stadt und als eine Möglichkeit in die Vergangenheit zu Reisen – im wörtlichen und im metaphorischen Sinn.

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Midnight in Paris | (c) Concorde Filmverleih GmbH

Einen grundsätzlich anderen Ansatz verfolgt Mathieu Kassovitz in seinem Film La Haine. Der Film von 1995 zeigt weder bekannte Sehenswürdigkeiten, noch zeichnet er ein romantisches oder schönes Bild der französischen Hauptstadt. Der Zuschauer folgt drei Jugendlichen durch ihren Alltag in den Banlieus, den Vorstädten von Paris und lernt dabei die alltäglichen Probleme dieser kennen. Diese andere Seite der Stadt wird repräsentiert durch schwarz-weiß-Ästhetik, Wohnblocks und Tristesse, den Einsatz von Hip-Hop als Hintergrundmusik sowie die von den Protagonisten vertretenen Werte. Dem Zuschauer wird teilweise durch geschickt positionierte Kameras eine von-oben-herab-Perspektive zugeschrieben, sodass diesem unterstellt wird, sich das Gezeigte aus sicherer Entfernung und aus besseren Verhältnissen anzuschauen. La Haine zeigt nicht nur soziale Missstände auf, sondern bezieht den Zuschauer ebenso in die Bewertung und Hinterfragung dieser ein.

Ähnliche Missstände thematisiert auch der Film Shaft: Im New York der 1970er Jahre finden sich gerade in der black-community Bandenkriminalität und Gewalt wieder, in welche Detektiv John Shaft gerät. Er bewegt sich dabei durch die Innenstadt New Yorks. Auch hier zeigt die Eröffnungsszene veranschaulichend die Stadt und repräsentiert New York dabei als amerikanische Großstadt, basierend etwa auf sich fortbewegenden Menschen, zu Fuß, im Auto sowie in typischen New Yorker Taxis. Aufnahmen des Times Square oder der Subway-Schilder dienen als eindeutige Establisher für den Zuschauer. Die eigene Note durch welche der Film diese recht klassische Inszenierung verändert, ist die Beziehung des Protagonisten zum Setting. Shafts Rolle ist der eigenständig agierende und selbstbewusste schwarze Detektiv, der seine Nachbarschaft, seine Stadt und die darin lebenden Menschen kennt und mit ihnen umzugehen weiß. New York und seine Einwohner fügen sich im Laufe des Films häufig seinen Handlungen und Anweisungen. Ähnlich wie im ersten Beispiel verändert der Protagonist für den Zuschauer das Bild der Stadt. Ohne wie Owen Wilson dabei von vornherein wertend vorzugehen, präsentiert sich New York dem Zuschauer durch Shafts Art und Weise näher und vertrauter. Es wird sichtbar, dass der Agierende den Betrachter fast immer mit einer gewissen Absicht und mit voller Kontrolle an die zu sehenden Orte führt: Der Zuschauer kann auf das Wissen Shafts vertrauen. Er ist in dieser Souveränität ähnlich veranlagt wie es James Bond ist, nur die fachlichen Gebiete auf die, und die kulturellen Auswirkungen mit denen er sie anwendet sind dabei unterschiedlich.

A: >>How’d the hell you get this number?<<
B: >>Off a bathroom wall in the god damn subway!<<„

Shaft (1971)

Die Repräsentation von Orten, in diesen Beispielen Städten, schaffen für den Zuschauer neue, mehr oder weniger echt wirkende Realitäten. Dass unterschiedliche Repräsentationen der gleichen Stadt verschiedene Bilder abbilden können sowie ähnliche Ansätze trotzdem unterschiedliche Ursachen und Ergebnisse haben können, veranschaulichen die soeben aufgezeigten Beispiele. Bei weiterführendem, auch wissenschaftlichem Interesse an der Thematik ist der Blog Kinoarchitekten zu empfehlen, welcher sich diesem filmgeographischen Thema aus diversen Perspektiven nähert. Dieser ist ebenso Inspiration sowie Quelle der hier in Teilen leicht verändert veröffentlichten Texte.


Titelbild: (c) Conc Cr Turner

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3 Gedanken zu “Stadtbilder: Repräsentation von Städten im Film

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