The Fall: Kindliche Fantasie und die Macht des Kinobilds

Tarsem Singhs Film The Fall erzählt eine Geschichte in einer Geschichte: Ein ans Krankenbett gefesselter Schauspieler findet zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Freundin in einem, ebenfalls im Hospital untergebrachten, kleinen Mädchen. Die Geschichten des melancholischen Roy und die begeisternde Fantasie Alexandrias verbinden Beide für die Dauer der Behandlungen. Sie schaffen sich selbst eine Zuflucht vor der Realität und ermöglichen es dem Regisseur, die gesamte Schönheit der Welt für den Zuschauer durch filmische Mittel neu zusammenzusetzen.

Displacement von Drehorten durch Runaway Productions, also die Abweichung des Drehorts vom repräsentierten Ort, wird häufig als Fehldarstellung oder Respektlosigkeit kritisiert, ist in der gegenwärtigen Filmproduktion jedoch eine  gängige Maßnahme zur Kostenreduzierung. Tarsem Singh treibt dies auf die Spitze, indem er Naturschauplätze, architektonische Werke oder bekannte Sehenswürdigkeiten weltweit zu neuen Orten verschmelzen lässt. So ist es den Figuren im Film möglich durch wenige Schritte eine Wüste zu verlassen und inmitten einer grünen Idylle zu stehen. Die realen Orte,  hier etwa Indonesien und Indien, liegen dabei tatsächlich tausende Kilometer auseinander. Noch veranschaulichender wirken Bilder mit architektonisch eindeutig zuordnbaren Bauwerken, wie dem Taj Mahal, dem Kolosseum, Angkor Thom, der Hagia Sophia, der Karlsbrücke in Prag, den Botanische Gärten von Buenos Aires oder dem Chand Baori. Die reale Distanz der Orte wird im Film zugunsten von Schauwerten und der Ausschmückung der Geschichte ignoriert und trägt zur Kreation einer völlig neuen Welt bei.

inlay1
Chand Baori in Rajasthan Indian | (c) Capelight Pictures/Central

Die Frage ob die räumliche Kombination von Wüstenräumen und Reis-Terrassen logisch oder sinnhaftig ist, kann im Kontext des Films vernachlässigt werden, da diese Orte in der von Roy erzählten Geschichte auftauchen und somit keinen Anspruch auf Realität erheben. Die zugehörigen Bilder entspringen der Fantasie eines jungen Mädchens und folgen dem gleichen Prinzip, sie stehen für die unendliche Fantasie der Jugend und die einhergehende Macht der Schönheit und Freiheit.

The Fall grenzt die Realität, das Krankenhaus in Los Angeles, klar von der Fiktion ab, während die handelnden Figuren sowie die eingebrachten Emotionen dazwischen verschwimmen. So finden sich mit weiterem Fortlauf der Erzählung immer mehr Elemente der Realität in der Geschichte wieder: Figuren mit Beziehungen zu beiden Protagonisten oder auch entscheidende Gegenstände wie Medikamente oder Masken. Als entscheidendes Beispiel kann hier die plötzliche Verwandlung des fiktionalen Hauptcharakters in Roy und die daran anknüpfende Liebes-/Rachegeschichte angeführt werden. Diese repräsentiert zuerst Roys wachsende emotionale Bedeutung für Alexandria und anschließend seine sinkende Schwelle persönliche Emotionen preis zugeben. Die Geschichte verwebt sich mit der Realität und hilft schlussendlich bei der Verarbeitung dieser. Die Bebilderung der Geschichte durch die kindliche Vorstellungskraft verpackt Roys Schicksal in für Alexandria emotional zugänglichere Bilder.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Das Entstehen einer Abenteuergeschichte im Kopf des Kindes und vor den Augen des Zuschauers plädiert für das Geschichtenerzählen generell und die ursprüngliche Stärke des Mediums Film: Die Visualisierung.

Insgesamt wurde The Fall in 28 Ländern gedreht. Die erschaffene Welt zeigt einerseits die optischen Möglichkeiten von Film und die schöpferische Macht des Kinos, repräsentiert andererseits jedoch auch die Gefahr der Manipulation des Gezeigten, betrachtet man dieses Feld etwa im Kontext einer Dokumentation. Spielfilme hegen selten die Absicht die Realität abzubilden, gerade im Fall von The Fall scheint das genaue Gegenteil das Ziel zu sein, eine kritische Betrachtung filmischer Inszenierung scheint jedoch kontextabhängig sinnvoll.

The Blog Cinematic geht in die Sommerpause. Bis Ende August erscheinen Artikel nur unregelmäßig und nicht im gewohnten 2 Wochen Rhythmus. Einen schönen Sommer.


Titelbild & Slideshow: (c) Capelight Pictures/Central
Advertisements

3 Gedanken zu “The Fall: Kindliche Fantasie und die Macht des Kinobilds

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s