James Bond: Postkoloniale Perspektiven auf 007

James Bond: Britischer Gentleman und Agent, auf der einen Seite Relikt der Ost-West-Trennung, auf der anderen Seite Repräsentant des modernen Großbritannien: Die teilweise auf von Ian Flemming verfassten Geschichten basierenden Filme durchlaufen in ihrem historischen Fortlauf eine Reihe an Weltanschauungen. Aus heutiger Perspektive scheinen vergangene Darstellungen einzelner Figuren und Minderheiten unverantwortlich und erniedrigend. Die Brille des Postkolonialismus hilft dabei, einige Filmbeispiele kritisch zu betrachten:

Die postkolonialen Studien betrachten die Machtverhältnisse zwischen (europäischen) Industriestaaten und dem globalen Süden. Vor allem vor dem Hintergrund der ehemaligen Kolonisator-Kolonie-Zuständen sind Abhängigkeitsverhältnisse, Einflussnahmen und Exotisierungen Gegenstand der kritischen Betrachtungen.

James Bond ist in seiner Rolle als britischer Agent schon seit Beginn der Reihe in den 1960er Jahren in der gesamten Welt unterwegs. Seinen ersten Auftrag tätigt er auf der erst wenige Monate zuvor in die Unabhängigkeit entlassenen Insel Jamaika. Die Abgrenzung des britischen Agenten von seinen Gegenspielern geschieht dabei häufig durch zugeschriebene Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften. So ist es Hinterhältigkeit und Mordlust, welche seinen (auffallend häufig) schwarzen Antagonisten angehaftet wird, die im Kontrast zur Großmütigkeit und Integrität der Briten steht. Gerade die Eröffnungsszene von James Bond jagd Dr. No veranschaulicht als erster Teil stellvertretend für die folgenden Filme diese negativen Eigenschaften, welche mit nicht-weißer Hautfarbe verbunden werden. Symbolisch dafür steht die häufig abgebildete „schwarze Hand“.

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Eröffnung von Dr. No | (c) United Artists

Weiter voranschreitend, erreicht die Reihe mit den Roger Moore-Filmen einen negativen Höhepunkt, der die Kategorien dieses sogenannten Othering weiter verstärkt. Die Abgrenzung von Eigenem (Britischem) zu Fremdem wird dabei durch zugeschriebene Verhaltensweisen getätigt, die auf den klischeehaftesten Beschreibungen beruhen. So wird der Protagonist durch eine indische Stadt verfolgt. Er flieht auf einer 007-typisch modifizierten Autorikscha auf einen Marktplatz, auf dem jedes Klischee Indiens vertreten ist. Die einheimische Bevölkerung wird dabei in Interaktion mit Bond veralbert und als Comic Relief missbraucht. So meister der Brite Nagelbretter, glühende Kohlen, Feuerspucker und Schwertschlucker mit Leichtigkeit und stellt sich während seines Entkommens ganz nebenbei über die indigene Bevölkerung und die ihnen zugeschriebenen Bräuche. Die Beziehung zwischen Großbritannien und seiner ehemaligen Kolonie spielen bei dieser Darstellung des Landes sicherlich eine entscheidende Rolle.

Eine solche Diffamierung findet sich in fast jedem Film der Roger Moore-Ära wieder, egal ob Indien, Thailand oder die Karibik, der hier gezeigte 007 ist immer überlegen.

Erst in den 1990er Jahren ist der Beginn einer Veränderung der Werte festzustellen. Postkoloniale Einflüsse und Ansichten haben zu dieser Zeit den Umgang mit dem globalen Süden verändert und zeigen auch eine Verschiebung in den James Bond Filmen. So ist Pierce Brosnan immernoch an exotischen Orten unterwegs und ist an diesen der handelnde weiße Protagonist, die Diffamierung der Kulturen und der Menschen nimmt jedoch deutlich ab. Vielmehr entwickelt sich die Reihe hin zu einer reinen Action-Reihe. Anonymisierte Tode von Zivilisten und die Zerstörung fremden Eigentums sind nun die Kritikpunkte. Ein Verschieben der Othering-Kategorien hin zur Abbildung exotischer Stadtbilder, nicht-europäischer Architektur oder bild-gewaltiger Natur ist festzustellen. Bond agiert weniger mit Statisten und nutzt die Locations hauptsächlich als Setting für seine Action. Dies verändert sich auch mit der Etablierung von Daniel Craig nicht. Stellvertretend kann die Eröffnungsszene von Spectre stehen, in der Exotik durch das Setting Mexiko Stadt und das Event des Dia de los muertos geschaffen wird.

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Exotik durch Architektur in Mexico Stadt in Spectre | (c) Sony Pictures Releasing GmbH

Passend zur postkolonialen Perspektive beschreiben die Whiteness-Studien das Einhergehen von gesellschaftlichen Privilegien und gesellschaftlichem Ansehen mit weißer Hautfarbe. Die Abgrenzung der ehemaligen Kolonisatoren von den fremden Ureinwohnern basiert im ursprünglichsten Sinn auf dem Unterschied der Hautfarben, weshalb sich dieses Konzept fast perfekt auf James Bond anwenden lässt. 007 und sein Vorgesetzter M sind und waren zu jedem Zeitpunkt weiß. Es ist erstaunlich, dass erst im Film Goldeneye (1995) ein schwarzer Mitarbeiter des MI6 auftaucht. Zwischen Charles Robinson, der nur eine kleine Nebenrolle spielt, und der Einführung schwarzer Mimen als Felix Leiter und Moneypenny, beides lang etablierte Figuren, liegen noch viele Jahre. Eine voranschreitende, jedoch in seiner langsamen Geschwindigkeit nachdenklich machende Entwicklung.

Die Whiteness-Studies bieten noch eine Vielzahl an Beispielen innerhalb des 007-Kosmos und auch fast jede andere Filmreihe bietet dazu Ansatzpunkte. Weitere Artikel zu dieser Thematik sind also nicht ausgeschlossen.
Wie sind solche eindeutig rassistischen Darstellungen zu bewerten?  Inwiefern ist political Correctness ein wichtiger Einflussfaktor auf Filmreihen wie James Bond?


Titelbild: (c) Sony Pictures Releasing GmbH

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9 Gedanken zu “James Bond: Postkoloniale Perspektiven auf 007

  1. Nicht nur beim Thema Rassismus, sondern auch beim Thema Sexismus hat sich bei den Bond Filmen einiges verbessert. Letztens habe ich mir einen Bond mit Sean Connery angesehen und war schwer irritiert, dass dieser ein mehrfaches nein einer ihn pflegenden Krankenpflegerin bei seinen Zudringlichkeiten ignorierte. Eine Verurteilung wäre heute nicht unwahrscheinlich. Im Film ist sie seinem plumpen Annäherungsversuchen erlegen und hätte ihn am nächsten Tag lebenslange Treue geschworen. Ihn hat es freilich nicht mehr gejuckt. Ein Sittenbild der 60 er Jahre vor der sexuellen Befreiung. Trump und Weinstein lassen grüßen.

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  2. Ein interessanter Beitrag! Vor allem für Ethnologie-Studierende. Die Theorien aus der Vorlesung praktisch angewendet – cool. 😉
    Den Begriff Postkolonialismus finde ich problematisch. Viele sind sich dem Machtverhältnis zwischen, mal sehr einfach gesagt, dem Westen und dem globalen Süden nun zwar bewusst. Verschwunden sind die imperialistischen Strukturen deswegen aber nicht. Vielleicht wäre Neokolonialismus besser.

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    1. Sicherlich kann man über die Begrifflichkeiten streiten, gerade das Bewusstsein über diese Neokolonialen Strukturen rückt die Beziehungen aber mehr in postkoloniale Sphären. Auch wenn von einer Überwindung natürlich nicht die Rede sein kann.

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    1. Danke für deinen Kommentar, ich finde gerade in Casino Royale und Skyfall hat Bond eine emotional so involvierte Rolle, wie in allen Filmen zuvor kaum und nur sehr sporadisch. Daniel Craig ist vielleicht nicht der beste Darsteller um dies zu vermitteln, aber die Rollen sind durchaus emotional geschrieben.

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  3. Ganz klar ist: Die alten Filme würden heute nie wieder in dieser oder einer ähnlichen Form gedreht werden. Die James Bond Filme sind immer eine Darstellung des aktuellen Zeitgeistes, bzw. des Zeitgeistes ein paar Jahre vorher, zu Beginn der Arbeiten. Eine Entwicklung ist sichtbar, dass diese teilweise etwas langsamer als in der Gesellschaft verläuft, hat meines Erachtens mehrere Gründe. So ist zum einen klar, dass man Schauspieler, die über mehrere Filme mitspielen, nicht einfach im Sinne der politischen Korrektheit austauschen kann. Zum anderen (auch unter der Betrachtung der aktuellen Diskussion um den kommenden Bonddarsteller) hat die „Weigerung“ gegen Veränderungen nicht zwingend rassistische oder weltanschauliche Gründe – man bedenke dem damaligen Aufschrei gegen Daniel Craig, nur weil er blond war.

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