Operation Kino: System Error – Gastbeitrag von Julia Mehr

Regie und Drehbuch: Florian Opitz
95 min, Dokumentarfilm

In seinem Sessel behaglich dumm, sitzt schweigend das deutsche Publikum.“

-Karl Marx, Methode 27

5€ Eintritt hat die Karte ins Programmkino zur Preview von System Error mit anschließendem Filmgespräch gekostet. Einige haben sich Popcorn oder ein kühles Bier gekauft. Da sitzen wir also in unseren roten Sesseln, gespannt, ob Opitz’ Dokumentarfilm uns Systemkritiker*innen eine Antwort auf die Frage: „Wie endet der Kapitalismus?“ gibt, so wie er es verspricht.

Solche Fragen hat sich auch schon vor mehr als 150 Jahren Karl Marx gestellt, dessen Zitate immer wieder in die Doku eingebunden sind. Der Philosoph, Ökonom und Gesellschaftswissenschaftler hat vorausgesehen, dass Wachstum nicht endlich sein kann.

Der Dokumentarfilm System Error (2018) versucht das große Paradox eines unendlichen Wachstums in einer endlichen Welt in 95 Minuten darzustellen. Dass das nicht gelingen kann ist auch Opitz bewusst, der im Filmgespräch zugibt: „Wir haben nie die Vollständigkeit angestrebt.“ Vielmehr solle die Doku eine subjektive Reise durch die Finsternis sein. Und tatsächlich ist es diese Finsternis, die System Error von anderen kapitalismuskritischen Filmen unterscheidet. Die Doku zeigt nicht die Verlierer des unendlichen Wachstums, sondern die Akteure. Als Interviewpartner wählte Opitz bekannte Ökonomen wie den Hedgefonds- und Ex-Berater Donald Trumps Anthony Scaramucci, den chinesischen Airbus Präsidenten Eric Chen, den Chefinvestor der Allianz Andreas Gruber, Carlos Capeletti, den größten Hühnerproduzenten Brasiliens und Tim Jackson, Ökonom und Wachstumskritiker.Film/ System Error

„Where are the fucking german communists?“ begrüßte Scara-mucchi das Filmteam.

Opitz schafft es in den Interviews Antworten zu zeigen, die nicht dahergeredet sind, sondern tatsächlich hören lassen, was die Ökonomen wirklich denken und das ist die Kunst des Films. Sie erzählen fast alle beharrlich das Narrativ des Kapitalismus, das des erfolgreichen Wachstums, für das jedes Land sein eigenes Wort hat.

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In Deutschland spricht man noch heute vom „Wirtschaftswunder“, die Amerikaner erinnern das „golden age of capitalism“ und die Franzosen beschwören die „trente glorieuses“.
Direkt am Anfang des Films wird klar, der Kapitalismus ist mehr als nur ein Narrativ. Immer wieder wird er mit Naturgesetzen wie der Schwerkraft verglichen und die Erklärungen der Experten klingen weniger nach Wissenschaft, als nach immer wieder reproduzierten Glaubensdogmen. Dennoch haftet das Bild der rationalen Monetaristen, die sich auf Zahlen stützen, an wirtschaftlichen Akteuren. Wohingegen Kritiker*innen des Kapitalismus vorgeworfen wird ihre Argumente aufgrund von irrationalen Gefühlen zu begründen. Dabei ist das Handeln der Ökonomen höchst irrational.wachstum

Hört euch doch mal selbst zu!
Das schreit der Film zurück. Zwar sind sich die Interviewpartner bis auf den Kritiker Tim Jackson sehr ähnlich, doch braucht es keine Gegenstimmen. Die Antworten verlieren sich in der Logik des Systems, ihrer Religion möchte man schon fast sagen. Dennoch möchte Opitz seine Interviewpartner nicht als Monster vorführen, betont er im Filmgespräch. Das System sei schuld. Kurzzeitig erscheint die Doku deshalb wie ein Imagefilm für den Kapitalismus. Es sind Nachrichtenagenturen wie Bloomberg, die sich selbst als globales Technologie- und Informationsunternehmen bezeichnen, das die Verbindung zu den einflussreichsten Entscheidungsträgern sucht. Wachstum und Wohlstand sind zu einem Politikum geworden. Sie bilden ein Netzwerk aus Daten, Menschen und Ideen und jeder glaubt, was Bloomberg über Business und Finanzen berichtet. Die einen glauben, die anderen erzählen weiter und am Ende handeln alle danach. Ist das vielleicht die Antwort auf die Frage, warum es das System schafft sich zu erhalten?

Film/ System Error

„Ich beobachte nur noch, ob der Algorithmus auch das macht, wozu ich ihn programmiert habe.“

Neben dem Überthema des Finanzmarktes, geht die Doku auch auf die Agrarindustrie und die Digitalisierung ein und betont damit, wie das gesamte kapitalistische System ineinander verflochten und von sich selbst abhängig ist. Nach dem Gucken bleibt das unbehagliche Gefühl zurück, das System steuert sich von alleine, Technologien mit künstlicher Intelligenz agieren in einem globalen Netzwerk aus Daten und seine Gläubiger schauen zu.

Wir müssen uns politisch einmischen und bei allem was wir tun überlegen, welchen Effekt es auf unsere Welt und Gesellschaft hat!“

-Florian Opitz

Das Filmgespräch endet mit einem Aufruf an das Publikum, das Opitz versucht aus seiner behaglichen cineastischen Trance zu holen. Der zweifache Grimme-Preisträger Florian Opitz ist bekannt für seine Dokumentarfilme Der große Ausverkauf und Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Genau wie Privatisierung und Beschleunigung ist auch Kapitalismus, kein bildgewaltiges Thema, das Opitz dennoch erfolgreich auf die große Leinwand bringt.

Was am Ende jedoch fehlt, ist die Antwort auf die Frage: „Wie endet der Kapitalismus?“. Vielleicht könnten in einem zweiten Teil alternative Ideen vorgestellt werden, damit das System nicht in einem Error endet. Schon heute funktionieren Systeme, wie Buen Vivir, die das menschliche Zusammenleben nach ökologischen und sozialen Normen über das Wachstumsparadigma stellen. Diese Philosophie bedeutet ein gutes Leben, das mehr als materiellen Wohlstand meint.

Im Einklang mit der Natur und kulturellen Identitäten.

Anhänger des Postkapitalismus sind davon überzeugt, dass eine sozial-ökologische Transformation nur durch eine lebendige, kontroverse Debatte entstehen kann. System Error ist ein erster Schritt zu einer weiteren Debatte in Richtung Degrowth.



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In Operation Kino schildern wechselnde Autoren ihre Kinoerlebnisse. Ob emotionaler Wellenritt, einschläfernde Vorabendermüdung oder inspirierende Mittagsvorstellung, die Vielfalt kennt keine Grenzen. Umso interessanter ist ein Einblick in diese subjektive Welt.

 

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Julia Mehr ist Absolventin eines Studiums der Medienwissenschaften. Momentan schließt sie ihren M.A. in Medien, Globalisierung und Kultur in Mainz ab. Folgt ihr auf ihrem Blog unter urbanspace.blog oder auf Instagram unter @mehrjuli.

 


Titelbild & Filmszenen: (c) Port au Prince 24 / Bilder
Der 1 Millionste Käfer: (c) dpa

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5 Gedanken zu “Operation Kino: System Error – Gastbeitrag von Julia Mehr

  1. Schön das es noch Filme gibt, die die sich mit den grundlegenden Problemen der modernen Gesllschaften befasst. Wachstum ist paradoxerweise auch durch die Reparatur von Wachstumsschäden möglich. Im Umwelt und Sozialbereich zum Beispiel. Ob sich der Kapitalismus abschaffen lässt, weiß ich nicht. Eine Revolution wäre es schon wenn weltweit alle ihre Steuern nach ihrer Leistungsfähigkeit zahlen würden. Wenn das Geld dann noch demokratisch legitimiert verteilt würde…traumhaft

    Gefällt 3 Personen

  2. Es bedeutet schon einen Fortschritt, dass derartige Filme nicht mittels antikommunistischer Reflexe süffisant belächelt oder einfach abgeschmettert werden.

    Wenn ich richtig sehe, verteidigen die Agenten des Systems, seine unkritischen Nutzanwender und Nutznießer in einem, den Kapitalismus mit zwei Argumenten. Das eine spielt die historische Karte aus: Die Voraussagen von Marx seien allenfalls gültig für seine Zeit.
    Das zweite Argument behauptet – unfreiwillig ironisch, weil dialektischer als der dialektische Materialismus -, dass die dauerhafte Krise als negative Produktivität das System ständig erneuere und erhalte: die Krise laufe nicht auf ein Ende hinaus, sondern sei negativ-konstitutiv für seinen Fortbestand.

    Ob eine Krise eine Ehe stärkt oder deren Ende anzeigt, darüber kann wohl nur die Zukunft entscheiden. Sobald allerdings die Eheleute in der Krise von der Produktivität ihrer Krise sprechen, bleibt im Zwielicht, ob wir es mit einer realistischen Selbsteinschätzüng zu tun haben oder mit einer beschönigenden Selbsttäuschung, die das drohende Ende zudecken soll.

    Da wir uns in einem Filmblog befinden: Eine hervorragende Umsetzung des Themas bietet die Filmgroteske „Zeit der Kannibalen“

    Gefällt 1 Person

    1. Zeit der Kannibalen ist tatsächlich herrlich grotesk und fasst die Absurdität und das blinde Versteifen auf und Vertrauen in das System zynisch und absurd zusammen.
      Die Opfer die Massenproduktion, Spekulation mit Lebensmitteln und Land Grabbing fordern, bekommen leider kaum eine Stimme und sind den Mächtigen der Welt, die Ihren Blick nie nach unten richten, ausgeliefert. Eine Möglichkeit der gegenseitigen Argumentation ist da kaum gegeben. Um oberflächlich zu überzeugen, reicht in der Welt leider ein teurer Anzug, Geld und ein unverschämtes Auftreten. Inhalte und vor allem Nachhaltigkeit treten in den Hintergrund. Filme sind immerhin ein Instrument in die entscheidende Richtung.

      Gefällt 1 Person

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