Male Leads: Caleb Landry Jones

Um der Filmlandschaft Hollywoods seinen Stempel aufrücken zu können muss man entweder sehr viel Geld, sehr viel Macht oder beides haben. Caleb Landry Jones hat stattdessen Talent und ein Gespür für interessante Rollen in interessanten Filmen. Trotz seiner Unbekanntheit hat er seinen Stempelabdruck schon in vielen Gästebüchern besonderer Regisseure machen können und wird dies auch in naher Zukunft fortsetzen.

Ein lauter Knall. Die rechte Seite des Autos des Mannes hat sich durch den Aufprall des zweiten Wagens eingedrückt, Rauch steigt auf. Der andere Fahrer sitzt regungslos ohnmächtig hinter dem Lenkrad. Der Mann steigt aus. Glassplitter fallen aus dem geborstenen Fahrerfenster, er sackt zusammen, nur ein Griff an der Tür hält ihn aufrecht. Blut rinnt sein Gesicht herunter, seine Haare sind verklebt von der roten Brühe die sich über seinen Kopf und Hals verteilt, Wunden auf Wangen und Lippen. Er humpelt unter Schmerzen und lautem Atmen auf die Straße, setzt sich unter Anstrengungen am Randstein nieder. Plötzlich kommen zwei Jungen, die den Unfall beobachtet haben auf Fahrrädern angefahren, ihre erschreckten Augen betrachten den Verletzten. Mitgefühl und Ekel zeichnen sich auf ihnen ab, als sie seine Wunden erblicken. „There’s a bone sticking out of your arm“, sagt Caleb Landry Jones. „Let me just sit here a minute“, antwortet der Verwundete. „There is an ambulance coming“, wirf der zweite Junge ein, „the man went to call“, sagt er und zeigt auf die andere Straßenseite. „Alright“, erwidert der Mann, die Schmerzen unterdrückend. „Are you alright? You got a bone sticking out auf your arm“, versichert sich Caleb Landry Jones erneut…

In dieser letzten Szene von No Coutry for Old Men ist Caleb Landry Jones das erste Mal in einer kleinen Sprechrolle auf der Leinwand zu sehen. Von da an erarbeitet er sich von Jahr zu Jahr andere Rollen in mittelgroßen Hollywoodproduktionen. Filme wie The Social Network, X-Men: First Class oder Contraband bieten ihm dabei noch weniger interessantere Rollen an, seit dem Jahr 2016 öffnet sich für Jones jedoch die große Bühne für besondere Nebenrollen in alternativen Autorenfilmen. John Michael McDonagh besetzt ihn in War On Everyone etwa als verrückten, verwirrten aber Angst einflößenden und seltsam interessanten Handlanger von Schurke Theo James. Sein Äußeres, das zwischen transsexuell und extrem stilsicher geschmacklos liegt, unterstützt das an Heath Ledgers Joker erinnernde Spiel. Rasiermesser und Augenklappe runden das Bild eines interessanten Bösewichts ab. Jones erfüllt jede seiner Szenen mit intensivem Spiel und ist einer der Hauptgründe für das Gelingen des Films.

I lost my fucking eye.“ – Caleb Landry Jones;

„Calm down, you still have one good one.“ – Theo James

-War On Everyone

Jordan Peeles Debütfilm von 2017 hingegen war aus anderen Gründen erfolgreich, Jones trug dabei nur einen kleinen Teil zur innovativen ersten Hälfte des Werks bei. Nach McDonagh setzt nun auch ein zweiter Autor und Regisseur auf ihn, um eine zwar kleine aber für die Handlung entscheidende Figur zu verkörpern. In Get Out scheint eine mit Spannung geladene Idylle im weißen, gutmenschlichen Familienalltag zu herrschen. Die Angst vor versehentlich rassistischen Aussagen macht jeden Charakter zu einem übervorsichtigen, verstellten, unangenehm zu betrachtenden Handlanger der gesellschaftlichen Zwänge, Erwartungen und political correctness. Caleb Landry Jones spielt in diesem Werk den Bruder der Hauptdarstellerin, bei einem gemeinsamen Abendessen werden Höflichkeiten ausgetauscht und mehr oder weniger peinliche Geschichten aus der Jugend der beiden Gastgeberkinder erzählt. Als die Mutter aus der Küche an den Tisch zurückkehrt und fragt was sie verpasst hat antwortet Jones Charakter: „Just talking about sports.“ Diese Aussage entspricht jedoch nur oberflächlich der Wahrheit, denn was diesem Satz vorausging war der erste wirklich tiefgründig rassistische Dialog des Films und ein Fingerzeig in Richtung der wahren Identität von Jones Figur, Jeremy Armitage. Die überlegene Stärke des schwarzen Mannes und seine genetische Ausstattung werden hier das erste Mal von einer der Hauptfiguren angesprochen, erst später wird die Tragweite dieses klischebehafteten Bildes für den Film ersichtlich. Was der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt noch auf verlorene Kontrolle durch Alkoholeinfluss zurückführt, ist nach weiterem Fortlauf der Geschichte ebenso durch extremen Hass und die fehlende Fähigkeit diesen zurückzuhalten zu erklären. Caleb Landry Jones ist neben einigen seltsam anmutenden Dingen der erste handfestere Hinweis, dass im Hause Armitage weder weiß noch schwarz, sondern rot die Farbe der Stunde ist.

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War on Everyone | Twin Peaks | Get Out

Eine auf andere Weise fehlgeleitete Figur verkörpert der Texaner in einer 2017 wiederaufgelegten Serie. Visionär und Surrealist David Lynch castet Jones für die dritte Staffel Twin Peaks und webt seine Figur in die Wirren und Grausamkeiten der Stadt in Washington State ein. Interessanterweise ist der von Jones verkörperte Charakter, Steven Burnett, eine Art Bindeglied zwischen den Episoden der 90er Jahre und von 2017. Er ist verheiratet mit Becky Burnett, ihres Zeichens Tochter von Bobby Briggs und Shelly Briggs, Charaktere der ersten beiden Staffeln. Dabei treten in der Beziehung von Becky und Steven vermehrt Verhaltensweisen auf, die auch schon für Bobby und Shelly, damals noch nicht verheiratet, zutreffen. Gewaltbereite Ehepartner, illegale Machenschaften, Drogenmissbrauch und Nutzlosigkeit sind nur einige Gemeinsamkeiten der beiden Generationen. Tatsächlich ist Becky ebenso in einer gescheiterten Ehe gefangen wie ihre Mutter vor 25 Jahren mit Leo Johnson. Keine dieser Figuren ist schlussendlich wirklich entscheidenden für den Fortlauf der Kernhandlung, dennoch schaffen sie ein unverkennbares Gesicht der Stadt, das die Atmosphäre und die beklemmenden Assoziationen mit Twin Peaks hervorruft, welche die Serie so besonders machen.

Mit mindestens drei Autorenfilmern hat Caleb Landry Jones schon gearbeitet, Ende 2017 bzw. Anfang 2018 kommt mit Martin McDonagh ein weiterer hinzu. Der sehnsüchtig erwartete und von Kritikerstimmen bis dato hoch gelobte Three Billboards Outside Ebbing, Missouri startet in Deutschland am 25. Januar des kommenden Jahres.


Titelbild: (c) Clara Balzary für i-D

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