Stop-Motion: Unterschätzte Schönheit

Zootopia gwinnt am Sonntag den 26. März 2017 den Academy-Award für den besten Animationsfilm und dies vollkommen zurecht. Das Spiel mit Klischees und Vorurteilen und die kindliche Herangehensweise an ernste, gesellschaftlich relevante Themen gepaart mit einzigartigem Witz ergeben schlussendlich einen sehr unterhaltsamen und darüber hinaus klugen Film. Dennoch wäre die Auszeichnung eines anderen Films an diesem Abend die Chance gewesen Aufmerksamkeit auf ein Handwerk zulegen, wie es nur selten betrieben wird. Eine verpasste Chance.

Stop-Motion Filme besitzen ebenso viele Möglichkeiten wie computergenerierte Welten die oft genug generisch und seelenlos geraten. Dabei ist der Look der per Hand bewegten und fotografierten Modelle einzigartig. Er wirkt qualitativ keinesfalls abfallend, sondern verleiht eher eine persönliche, wertige Note. Gerade das Studio Laika oder auch der Regisseur Wes Anderson haben die Technik für sich entdeckt und verschiedenste Schönheiten auf die Leinwand gebracht.

1
Fantastic Mr. Fox | (c) 20th Century Fox

Dabei ist weder Genre noch Look vorgegeben. Von Coming-of-Age-Tragikomödien wie Der fantastische Mr. Fox, der im Prinzip, ebenso wie viele Wes Anderson Filme, unendlich viele Genres vereint, bis hin zu Horror-/Abenteurkomödien wie Paranorman und Coraline ist vieles möglich. Einzige Gemeinsamkeit ist, dass immer ein humoristischer Ansatz gewählt wird. Dies ist wohl auf das comic-hafte und überzeichnete Design der Charaktere zurückzuführen, da dies entscheidendes Stilmittel von Stop-Motion Film ist. Einen ernsten Ansatz hat der Film Anomalisa versucht, auf den weiter unten eingegangen werden soll.

gif1
Willem Dafoe als Ratte | (c) 20th Century Fox

Der fantastische Mr. Fox bietet neben der gewohnt symmetrischen Bildästhetik einen passend tragenden Soundtrack. Der setzt sich aus eigens von Oscarpreisträger Alexandre Desplat komponierten und lizenzierten Stücken wie Let her dance von den Bobby Fuller Four zusammen. Hinzu kommen erwartungsgemäß hochkarätige Sprecher und kreative Einfälle seitens der Regie. Wes Anderson arbeitet momentan an seinem zweiten Stop-Motion Projekt Isle of Dogs der im kommenden Jahr erscheinen soll.

Kubo and the Two strings, Paranorman und Coraline sind drei Beispiele aus der Stop-Motion-Werkstatt des Studio Laika. Dabei bieten alle drei Filme dem Zuschauer eher fantastische Stoffe. Das neuste Werk Kubo hat mit einem Gitarre-zupfenden Samuraijungen einen unkonventionellen Protagonisten und erzählt eine ebenso ungewöhnliche Geschichte über verwunschene Eltern und die Macht Papier zum Leben zu erwecken. Hierbei stechen vor allem die Actionszenen und das Creature- und Charakterdesign ins Auge. Beides sticht aus der Masse an Animationscharakteren deutlich heraus und zieht den Zuschauer in die Welt von fernöstlichen Klängen und Sagen.

1gif
Action- und Charakterdesign in Kubo | (c) Laika Entertainment

Alle drei Filme leiden an amerikanisierten Werten und klischeehaften Enden von Stolz und Freundschaft etc.. Dies muss nicht als starker Kritikpunkt angesehen werden, ein Pluspunkt ist es jedoch in keinem Fall.

Anomalisa hingegen beeindruckt durch vollkommen andere Stärken als die zuvor genannten Werke. Der 2015 erschienene Film aus der Feder von Charlie Kaufmann behandelt weder abenteuerliche Geschichten noch beinhaltet er sprechende Tiere oder Fabelwesen mit Knopfaugen. Stattdessen schafft er eine eigene Welt die dem Zuschauer vorerst nicht also solche vermittelt wird. Ohne Inhalt vorwegnehmen zu wollen: Der Film spielt mit den Mechaniken von Stop-Motion Filmen, Synchronstimmen und Optik und auch mit den Mechaniken der Puppen. Statt diese als reines Instrument der Erzählung zu nutzen verändert sich die Geschichte in ihrem Lauf durch unerwartete, veränderte Funktion der Puppen, die erklärt, warum der Film nicht als Realfilm produziert wurde. Denn betrachtet man die Prämisse ohne den Fortlauf des Films zu kennen, kann man sich diese Frage durchaus stellen. Anomalisa ist allerdings auch in der Thematik wesentlich reifer und sensibler als die in den oberen Abschnitten erwähnten Werke. Inhaltlich beschäftigt sich Kaufmann mit Einsamkeit, Selbstfindung und Ausgrenzung. Gesellschaftliche Normen, Verunsicherung und Identität werden in einer in Echtzeit erzählten Geschichte angesprochen. Ohne den Film vollständig zu verstehen, kann trotzdem anerkannt werden, dass der Regisseur durch andersartige Mittel und das vermitteln ernster menschlicher Probleme einen ungewöhnlichen Ansatz für das Genre des Stop-Motion gewählt hat. In diesem Fall ist es logisch den Begriff „Genre“ zu benutzen, da die Machart die Erzählung maßgeblich beeinflusst.

Anomalisa_Banner
Anomalisa | (c) Paramount Pictures Germany

Schönheit muss auch im Stop-Motion Film nicht auf rein äußere Merkmale bezogen werden und Anomalisa ist das perfekte Beispiel dafür.


Titelbild: (c) 20th Centruy Fox

Advertisements

3 Gedanken zu “Stop-Motion: Unterschätzte Schönheit

  1. Schöner Artikel. Die Bildunterschrift „Willem Dafoe als Ratte“ finde ich zwar etwas irreführend, aber gut. 😉

    ANOMALISA ist auch ein gutes Beispiel, dass Stop-Motion-Filme nicht zwangsläufig nur für Kinder geeignet ist. Ich habe den Film auch mit der Einstellung gesehen, dass Stop-Motion-Filme hauptsächlich Kinderfilme sind. Und dann kam die Sexszene… Toller Film.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s